Wie ein Schatten liegt das Schweigen auf dem Leben unserer Eltern, der Generation der sog. Kriegskinder. Ein Schweigen mit weit reichenden Folgen, denn …dieser Schatten belastet auch das Leben meiner Generation, der sog. Kriegsenkel - und wird u. U. auch die nachfolgenden Generationen weiter belasten.

Unsere Eltern haben Schlimmes erlebt: den Krieg mit all seinen Auswirkungen wie Todesgefahr, Verlust von Angehörigen, Verlust des Zuhauses, Hunger, Kinderlandverschickung, Aufwachsen in Trümmern, Flucht und Verfolgung, Gewalt, Ausgeliefertsein an traumatisierte Soldatenväter etc.  Viele Kriegskinder haben das Erlebte in sich eingekapselt, das Leben musste ja weiter gehen und vermutlich war vieles, was erlebt wurde, auch unaussprechlich. Aber: mit Fragen kommt man nicht weiter. Am liebsten wollen sie gar nicht an diese Zeit erinnert werden, an das Grauen, den Mangel und die Entbehrung. Auch wenn es schwer fällt: Man kann ihnen das nicht vorwerfen.

Wir müssen eines im Auge behalten: dass unsere Eltern systematisch und vorsätzlich gebrochen wurden durch die schwarze Pädagogik einer Johanna Haarer, deren 1934 erschienene Erziehungsratgeber „Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind“ sich an den Erziehungsvorstellungen Adolf Hitlers orientierte. Sie vertrat die Ansicht, dass man Säuglinge sofort nach der Geburt isolieren sollte, Mutter und Kind sollten gar nicht mehr die Möglichkeit bekommen, eine Bindung aufzubauen. Haarer vertrat auch die Ansicht, dass man Babies schreien lassen, nicht auf ihre Bedürfnisse eingehen sollte. Diese Pädagogik erfreute sich nicht nur zur Zeit unserer Eltern einer großen Beliebtheit, sondern wurde bis in die 1990er Jahre hinein vertreten.

Es ist kein Wunder, dass letzten Endes dabei eine Generation heranwuchs, die sich durch Sprachlosigkeit, Bindungsunfähigkeit, ein extremes Sicherheitsbedürfnis, Kindlichkeit, Interesselosigkeit, fehlendes Einfühlungsvermögen und Leistungsbereitschaft auszeichnet. Die Generation unserer Eltern. Und diese Generation hat uns, ihren Kindern, reichlich Aufträge mitgegeben: den Auftrag des Schweigens über diese Zeit z. B., oder den Auftrag Scham und Schuld zu empfinden oder auch etwas zu leisten und aufzubauen. Diese Generation ist vermutlich zu großen Teilen traumatisiert, in meiner eigenen Familie kommt mir all das Unaussprechliche oft vor wie ein Pulverfass, das jederzeit hochgehen kann.

Für uns hochsensible Menschen sind die Aufträge aus der Vergangenheit besonders schwierig. Wir haben ja sowieso schon die Tendenz, uns völlig auf unsere Bezugspersonen einzustellen, wenn wir in einem etwas schwierigen Umfeld aufwachsen. Oft haben wir das Gefühl, wir müssen uns um unsere Eltern kümmern, etwas wieder gut machen (was nur?), dafür sorgen, dass es unseren Eltern gut geht. Ein Verhalten, das häufig auch von den Eltern gefördert und gefordert wird, immer geht es um ihre Bedürfnisse und selten um unsere eigenen. Und da wir uns ja als Hypersensitive häufig alles sehr zu Herzen nehmen, hat die Sprach- und Bindungslosigkeit unserer Eltern zwangsläufig auch in uns ihre Spuren hinterlassen.

Lebensfreude fällt ihnen häufig schwer. Was sie hingegen häufig „vererben“ ist eine eher pessimistische, sehr auf Sicherheit bedachte Weltsicht, in der Neugier, Spontanität und Lebensfreude keinen Platz haben.

Die besondere Empfindsamkeit in diesem Zusammenhang kann sich auch anders äußern, ich habe schon davon gehört, dass jemand die Kriegserlebnisse der eigenen Eltern in Träumen verarbeitete.

Besonders fatal erscheint mir der Auftrag des Funktionieren-Müssens und der Leistungsbereitschaft. Als HSP sind wir häufig Perfektionisten, die eine 200 oder 300 %ige Leistungsbereitschaft auszeichnet - ohne jedoch die dafür nötige körperliche Vitalität zu besitzen. Vielleicht war es aber auch der einzige Weg, hin und wieder die Anerkennung der Eltern zu gewinnen.

Vor einigen Jahren habe ich das Buch Kriegsenkel von Sabine Bode gelesen, es war wie eine Offenbarung (die übrigens der Erleichterung der Entdeckung meiner eigenen Hochsensibilität ähnelte). Gestern habe ich einen Vortrag zu dem Thema gehört, der sehr gut besucht war. Ich bin sehr froh, dass dieses Thema in die Öffentlichkeit findet, immer mehr Betroffene finden sich zusammen und reden miteinander. Reden hilft, selbst wenn die eigenen Eltern lieber schweigen wollen, können Sie doch mit anderen Menschen reden, die sich in einer ähnlichen Situation befinden. Mittlerweile gibt es viele Vereine, Gesprächsgruppen, etc. Hier ist z. B. eine Seite mit interessanten Links.

Ahnenforschung hilft auch weiter. Ich habe hierzu ja schon einmal den Beitrag Spurensuche geschrieben. Jedesmal, wenn ich etwas über meine Vorfahren herausfinde, finde ich etwas über mich heraus. So einfach ist das. Ich wünschte, ich hätte schon früher damit begonnen.

Sind die Kriegserlebnisse Ihrer Eltern auch ein Thema für Sie? Ich freue mich, wenn Sie Ihre Erfahrungen mit uns teilen.

Herzlichst, Ihre

Monika Richrath

 

Ein paar Literaturtipps: (und längst nicht alles, was es zu diesem Thema zu lesen gibt!)

Sabine Bode: Kriegsenkel

Sabine Bode/Luise Reddemann: Die vergessene Generation: Die Kriegskinder brechen ihr Schweigen

Michael Schneider/Joachim Süß: Nebelkinder: Kriegsenkel treten aus dem Traumaschatten der Geschichte

Anne-Ev Ustorf: Wir Kinder der Kriegskinder: die Generation im Schatten des zweiten Weltkriegs

Bettina Alberti: Seelische Trümmer: Geboren in den 50er und 60er Jahren: die Nachkriegsgeneration im Schatten des Kriegstraumas

Hilke Lorenz: Kriegskinder: das Schicksal einer Generation

Jens Orback/Regine Elsässer: Schatten auf meiner Seele: ein Kriegsenkel entdeckt die Geschichte seiner Familie

 

 

Sie wollen lernen, wie man klopft?

Monika Richrath

Monika Richrath

Richrath EFT Lösung

Nach dem dritten Burnout und zwei Autoimmunkrankheiten (Fibromayalgie, Hashimoto) ist mir endlich klar geworden, dass ich nicht funktionieren kann in den üblichen Strukturen der Arbeitswelt und ich habe den Mut gefunden, mich selbständig zu machen. Seit 2011 arbeite ich als EFT-Coach und Trainerin und bin die Autorin dieses Blogs.

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