Was genau unter Hochbegabung zu verstehen ist, wird nicht einheitlich beurteilt. Im allgemeinen Sprachgebrauch wird eine Person in Deutschland als hochbegabt

bezeichnet, wenn sie in einem anerkannten IQ-Test einen Wert von 130 oder mehr erreicht hat. Aus meiner Sicht ist es jedoch in diesem Fall korrekt, von Hochintelligenz und nicht von Hochbegabung zu sprechen. Denn um Hochbegabung zu verstehen und sie der Hochsensibilität gegenüberstellen zu können, sollten wir mindestens vier Begriffe unterscheiden und uns über ihre Bedeutung einig sein, nämlich Talent, Begabung, Intelligenz und Leistung. Dabei spreche ich von Talent, wenn einer Person eine besondere Fähigkeit von Natur aus mitgegeben ist. Das bedeutet aber noch nicht, dass die Person diese Fähigkeit auch entsprechend entwickelt und auslebt. Erst wenn das geschieht, rede ich von Begabung. Beispiel: Zwei Kinder können für ihr Alter und ohne Üben wunderbar Tiere und Gesichter zeichnen. Aus irgendeinem Grund spielt das eine Kind in seiner Freizeit nur mit seinem Smartphone. Sein Zeichntalent wird nicht entwickelt; möglicherweise verkümmert es gar irgendwann. Das andere Kind erhält Zeichnunterricht und verbringt jede freie Minute mit seinem Block und Stiften. Sein Talent kann sich zur Begabung entfalten.

Damit möchte ich direkt zu Beginn sagen:

Talente und Begabungen sind über unsere Lebenszeit nicht in Stein gemeißelt.

Wir entfalten sie, oder wir vernachlässigen sie. Sie entwickeln sich, variieren auch je nach Tagesform. Aber: Sie gehören zu uns und formen unsere Persönlichkeit, so oder so.

Jetzt zur Intelligenz:

Sie beschreibt die intellektuelle – mathematisch-logische und sprachliche – Komponente von Talent bzw. Begabung. Sie merken schon, worauf ich hinaus will: Intelligenz kann als unentwickeltes, gleichsam schlummerndes Talent oder als gelebte Begabung vorhanden sein. Daneben gibt es viele andere Facetten von Talenten bzw. Begabungen: musisch, künstlerisch, kinetisch, sensorisch, motorisch, sinnlich, emotional, … Man könnte meinen, dass die intellektuelle Komponente von Begabung diejenige ist, die in unserer Gesellschaft sozial gesehen „auf der höchsten Stufe“ steht, weil und wenn – und jetzt kommen wir zum Leistungs-Begriff – sie sich in intellektuellen Erfolgen wie guten Schulnoten, qualifizierter Ausbildung, angesehen und gut bezahlten Jobs äußert. Das relativiert sich allerdings, wenn wir uns beispielweise die Gehälter von Profifußballern anschauen, die mit ihrer kinetisch-motorischen Hochbegabung ein Vielfaches von, zum Beispiel, dem durchschnittlichen Gehalt eines Universitätsprofessors in Deutschland verdienen.

Jetzt habe ich schon kurz den Begriff der Leistung gestreift, aber sie verdient noch mehr Aufmerksamkeit. Als

Leistung

bezeichne ich diejenigen Ergebnisse einer gelebten Begabung (also eines entwickelten Talents), die gesellschaftliche Anerkennung finden. Beispiel: Ein Kind ist mathematisch hochbegabt und gewinnt Preise bei Mathematik-Wettbewerben. Gegenbeispiel: Ein anderes Kind ist künstlerisch hochbegabt und imitiert seine Lehrer zur Freude der Klassenkameraden in täuschend echtem, satirisch leicht überzogenem Nachspiel von Szenen aus dem Schulalltag, wofür es ausgeschimpft oder bestraft wird.

Also, kurz zum Resümieren:Intelligenz ist intellektuelles, d.h. mathematisch-logisches und sprachliches Talent. Talent kann sich durch Übung und positive Bestärkung von außen zur Begabung entwickeln. Die Ergebnisse bzw. Produkte gelebter Begabung werden Leistung genannt, wenn und soweit sie sozial und kulturell anerkannt werden.

Nun könnte man meinen, dass alles ganz einfach wäre,

wenn und weil eine Hochintelligenz früh genug entdeckt und gefördert und sich zur intellektuellen Hochbegabung entwickeln könnte, die dann automatisch in Hochleistungen resultieren würde. Hierbei stoßen wir jedoch auf drei Hürden. Nr. 1: Die hohe Intelligenz wird gerade nicht früh genug erkannt. Nr. 2: Intelligenz braucht positive soziale und emotionale Voraussetzungen (Familien- und Schulsituation), um sich zur Begabung entwickeln zu können. Nr. 3: Nur wenige Ergebnisse und Produkte hoher Begabung sind sozial als Leistungen anerkannt. Darüber hinaus wird sehr viel, das gesellschaftlich als Leistung angesehen wird, nicht durch hohe Begabung erreicht, sondern durch bestimmte nicht mit Intelligenz oder Begabung verknüpfte Persönlichkeitseigenschaften (z.B. Anpassungsfähigkeit, Resilienz, Stressresistenz, Fleiß, Ausdauer, Ehrgeiz), durch äußere Zufälle (Geburt in einer wohlsituierten, gebildeten Familie, die ihre Kinder bestmöglich fördern kann) oder durch negative Persönlichkeits-Merkmale (insbesondere Züge von narzisstischen Persönlichkeitsstörungen wie übersteigerter Ehrgeiz, Machtstreben, Machtmissbrauch, „Ellbogen-Mentalität“, usw.).

Je nachdem, welche Hürden sich individuell stellen, können wir grob

drei prototypische Gruppen von Biographieverläufen Hochintelligenter

unterscheiden: Wird die hohe Intelligenz weder erkannt noch gefördert, so kommt es häufig zum so genannten „Underachieving“: Nicht nur, dass die hochintelligente Person keine Höchstleistungen erbringt, sie bleibt in ihrer Bildungs- und Berufsbiographie objektiv „unter dem Durchschnitt“ und individuell unerfüllt. Diese Personen haben häufig ein völlig verzerrtes Selbstbild, leiden an mangelndem Selbstwertgefühl und einer für sie undefinierbaren inneren Leere, die daraus resultiert, einen wesentlichen Teil der eigenen Persönlichkeit vollständig zu ignorieren oder gar zu negieren. Die zweite Gruppe hat in Kindheit und Jugend dagegen ein annehmendes und förderndes soziales Umfeld erlebt und konnte sich entfalten. Diese Personen gelten als schlau, klug, fleißig, erfolgreich, heben sich aber im sozialen Status nicht unbedingt von anderen Nicht-Hochbegabten mit ähnlicher Biographie ab. Die dritte Gruppe wurde nicht nur mit ihrer intellektuellen Begabung gefördert, sondern hat auch Persönlichkeitseigenschaften mitgebracht, die zu sozialen Erfolgen befähigen, und diese auch ausgelebt. In Kombination haben diese Persönlichkeitseigenschaften und die intellektuelle Hochbegabung zu besonders bemerkenswerten, herausragenden Erfolgen geführt. Natürlich sind dies, wie eingangs angemerkt, prototypische Beschreibungen. In Wirklichkeit sind die Übergänge fließend.

Ich fasse noch einmal kurz zusammen: Intelligenz braucht An-Erkennung – nämlich Erkanntwerden und positive Bestärkung, d.h. Förderung – um sich zur intellektuellen Hochbegabung entfalten zu können. Und intellektuelle Hochbegabung führt nicht unbedingt zu Hochleistungen, da diese gesellschaftlich nicht als Ergebnisse und Produkte intellektueller Hochbegabung, sondern völlig eigenständig definiert sind.

Was hat das alles mit Hochsensibilität zu tun?

Ganz einfach: Wenn (Hoch-)Intelligenz die intellektuelle Begabung beschreibt, beschreibt Hochsensibilität die Begabung der (mehr als fünf) Sinne. Und genau wie bei der Intelligenz kann es auch bei dieser Begabungskomponente zu den drei prototypischen Entwicklungen kommen: Feststeckenbleiben in einem unerkannten und deshalb (als „Überempfindlichkeit“ im Sinne einer „Behinderung“) missverstandenen Talent, Entfalten zu einer gelösten Begabung, oder, in Kombination mit den erforderlichen anderen Persönlichkeitseigenschaften, zur Erbringung von Höchstleistungen. Nun ist das Problem, dass die Schnittmenge sozial anerkannter Leistungen mit den Ergebnissen gelebter Hochsensibilität (noch) weit geringer ist als bei derjenigen mit den Ergebnissen intellektueller Begabung. Aber es gibt sie: charismatische Führungspersönlichkeiten, empfindsame Künstler, geniale Musiker.

Und wir merken wieder:

Sowohl intellektuelle Hochbegabung als auch Hochsensibilität schließen ihrerseits jeweils mehrere Begabungskonzepte ein.

Die intellektuelle Hochbegabung besteht aus der mathematisch-logischen (die ihrerseits wieder Unterkomponenten, zum Beispiel das räumliche Vorstellungsvermögen, aufweist), und der sprachlichen Komponente. Hochsensibilität besteht – so meine ich – aus der sensorischen (Empfänglichkeit der herkömmlichen Sinne), der sinnlichen (Verarbeitung der Sinneseindrücke) und der emotionalen (Wahrnehmung und Verständnis eigener und fremder Emotionen) Komponente. Hier könnten wir also noch mal alles untergliedern …

Zum Abschluss möchte ich noch etwas zur Verteilung von Hochintelligenz und Hochsensibilität in der Bevölkerung sagen. Was die anerkannte Definition der Hochintelligenz (IQ ab 130) betrifft, so wird die Prävalenz mit 2% angegeben. Der Definition liegt das Modell zu Grunde, dass die Intelligenzverteilung in der Bevölkerung einer Gaußschen Glockenkurve entspricht. Bei einer Standardabweichung vom Mittelwert, nämlich einem IQ ab 115, spricht man danach von hoher Intelligenz, bei zwei Standardabweichungen, nämlich einem IQ von 130, dann (terminologisch außerhalb der Logik) von Hochbegabung, richtig: Hochintelligenz. Die Prävalenz von Hochsensibilität wird häufig mit 15-20% angegeben. Meiner subjektiven Einschätzung nach dürfte das einer hohen Sensibilität im Sinne einer Standardabweichung vom Mittelwert entsprechen, da es logisch erscheint, dass auch andere Talente in der Bevölkerung normalverteilt sind. Und auch unter Hochsensiblen dürfte es eine fließende Intensität an Sensibilität bis hin zu einer Höchstsensibilität geben. Schließlich wäre es sehr interessant, den Zusammenhang zwischen hoher Intelligenz und hoher Sensibilität zu erforschen. Dem steht derzeit, soweit ich das beurteilen kann, im Weg, dass die einzelnen Konzepte – Hochsensibilität noch weit mehr als Intelligenz – wissenschaftlich selbst nicht ausreichend erforscht sind und kein „gemeinsamer Nenner“ für eine übergreifende Theorienbildung besteht. Da ich als selbst hochbegabter und hochsensibler Coach ebenfalls mit gleichzeitig hoch intelligenten und hochsensiblen Klienten zusammenarbeite, kann ich jedenfalls bestätigen, dass es Menschen mit beiden Eigenschaften gibt und dass sich aus der besonderen Kombination auch noch einmal besondere Herausforderungen ergeben.

Schließlich habe ich für Sie noch die

sieben Merkmale

zusammengestellt, von denen ich persönlich glaube, dass sie tatsächlich auf alle hoch Intelligenten zutreffen und auch alle erfüllt sein müssen, um von Hochintelligenz zu sprechen:

  • Schnelle Auffassungsgabe. Diese braucht sich weder in guten Schulnoten noch fixem Kopfrechnen zu zeigen. Im Gegenteil, häufig manifestiert sie sich in „wilden“ Assoziationen, die vom Umfeld eher kopfschüttelnd betrachtet werden und raschen Gedankensprüngen, die Gesprächspartner ermüden oder „nerven“.
  • Ausgeprägter Gerechtigkeitssinn. Hiermit meine ich nicht, immer das „moralisch richtige“ zu tun, sondern ein starkes Gespür für Recht und Unrecht sowie soziale Normen, das zu politischem Engagement, persönlicher Empörung, aber auch tiefer Frustration über die herrschenden Zustände bis hin zur Depression führen kann. Hinweise: Sie empören sich überdurchschnittlich über ungerechte Geschehnisse. Ihnen wird eine ironische oder zynisch-sarkastische Haltung nachgesagt. Bei eigenen „Fehltritten“ plagen sie ausgesprochen starke Gewissensbisse. Sie werden manchmal als „Besserwisser“ oder „Rechthaber“ bezeichnet.
  • Überdurchschnittliche Wissbegierde. Hinweise: Small Talk oder „normale“ Freizeitbeschäftigungen langweilen Sie sehr. Sie haben ein oder mehrere ausgefallene Hobbies. Sie vertiefen sich in Ihre Hobbies so sehr, dass Sie darin quasi zum Experten werden. Andere sind erstaunt über Ihr umfangreiches Detailwissen inner- und außerhalb Ihres Fachgebiets. Auch als Erwachsener können Sie wie ein kleines Kind immer wieder nach dem „Warum?“ fragen. Sie beschäftigen sich viel mit spirituellen oder religiösen Fragen, dem Sinn des Lebens, der (Un-)Endlichkeit oder ähnlichen Themen.
  • Auffällige Sprechweise. Diese kann sich ganz unterschiedlich zeigen: umfangreicher, teils ausgefallener Wortschatz, schnelles Erlernen von Fremdsprachen, komplexer Satzbau, besonders schnelles Sprechen. Hinweise: Sie suchen manchmal lange nach dem richtigen Ausdruck, um genau das auszudrücken, was Sie meinen. Ihnen wird häufiger gesagt, dass Sie sich „geschraubt“ oder gestelzt“ ausdrücken oder dass es schwierig ist, Ihnen zuzuhören. Wenn Sie im Ausland sind und die lokale Sprache beherrschen, fangen sie an, in dieser zu träumen oder zu denken.
  • Gutes Erinnerungsvermögen. Tatsächlich meine ich, dass alle Hochintelligenten auch über ein überdurchschnittlich gutes Gedächtnis verfügen. Denn zur intellektuellen Begabung gehört nicht nur die schnelle Verknüpfung von Gedanken, es müssen auch alte Erfahrungen mit neuen verknüpft werden können, und dazu muss ein guter Zugriff auf die alten Erinnerungen gewährleistet sein.
  • Hohe Kreativität. Auch Erfindungsgabe und Einfallsreichtum gehören meiner Einschätzung nach untrennbar zur Intelligenz. Kreativität bedeutet, neue, ungewöhnliche Assoziationen herstellen zu können. Sie ist insbesondere Grundlage der Forschung, denn ohne neue Thesen gäbe es keine neuen Erkenntnisse – wenn nicht eine Vorahnung (Assoziation) bestünde, könnte diese nicht experimentell, empirisch, philosophisch, … überprüft werden. Hohe Kreativität kann sich aber auch in kriminellem „Einfallsreichtum“ oder in einer ausgesprochenen Fähigkeit, immer neue Ausreden (warum man sein Leben nicht ändern könne, …) zu erfinden, zeigen.
  • Systematische Denkweise. Das bedeutet nicht, dass alle Hochintelligenten „geordnet“ leben, im Gegenteil. Hinweise: Sie finden Lösungen für komplexe Probleme, die anderen verborgen bleiben. Sie lieben Routinen (z.B. im Tagesablauf), aber hassen Routinetätigkeiten (immer wiederkehrende Aufgaben). Einfache Aufgaben langweilen Sie. Sie können schlecht „abschalten“, weil Sie immer das „Große Ganze“ oder zumindest einen Teil davon vor Augen haben. Sie interessieren sich für Menschen, Ereignisse und Dinge, die keinen Einfluss auf ihr eigenes Leben haben. Sie rätseln, knobeln, experimentieren, forschen, lesen gerne.

Bis bald! Herzlichst, Ihre
Antje Heyer

Unsplash via Pixabay

 

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Antje Heyer

Antje Heyer

Antje K. Heyer, Rheinländerin, Wahlkölnerin, Volljuristin, promoviert im Völkerstrafrecht, ausgebildet in der systemischen und psychosozialen Beratung, Coach für Hoch- und Vielbegabte, hat in Paris, Berlin, Bangalore, Lomé, Den Haag, Maroua und New York gelebt und das Leben kennengelernt. Sie arbeitet seit 2013 als Coach, Beraterin und Rechtsanwältin. Antje K. Heyer ist Mitglied von Mensa in Deutschland e.V. sowie der Auswahlkommission der Studienstiftung des deutschen Volkes. Sie schreibt als hoch- und vielbegabter Coach für Hoch- und Vielbegabte und verfasst Gedichte, Kurzgeschichten und gesellschaftspolitische Stellungnahmen.

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Die hier angewandte EFT* basierte Klopfakupressur orientiert sich weder an dem „Official EFT“/Optimal EFT“ von Gary Craig noch gibt sie dessen Inhalte wieder, sondern meine persönliche Sicht und Erfahrungen sowie das Verständnis von und mit der Arbeit mit der Klopfakupressur.

*EFT = Emotional Freedom Techniques, Begründer Gary Craig

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