… als flöge sie nach Haus

Von Monika Richrath

„Nach dem dritten Burnout und div.  sog. „Autoimmunkrankheiten“ (chronische Herpesinfektion, Fibromayalgie, Hashimoto, Nebennierenschwäche, HPU) ist mir endlich klar geworden, dass ich nicht funktionieren kann in den üblichen Strukturen der Arbeitswelt und ich habe den Mut gefunden, mich selbständig zu machen. Seit 2011 arbeite ich als Coach und Trainerin für Klopfakupressur und bin die Autorin dieses Blogs.“

21. Februar 2016

Wenn Sie merken, dass Sie beim Lesen dieses Artikels in Stress geraten, klopfen Sie doch einfach beim Lesen Ihre Handkante, wie auf dem Foto gezeigt.

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Am 6. Februar ist meine Mutter gestorben. Sie litt unter ALS (Amyotrohphe Lateralsklerose). Vielleicht haben Sie schon von der ALS Ice Bucket Challenge gehört? ALS ist eine sehr grausame Krankheit, deren Verlauf sehr individuell ist. Der Physiker Stephen Hawking leidet zum Beispiel an einer sehr langsam fortschreitenden Form (Erzählt in dem Film „Die Entdeckung der Unendlichkeit„).  Bei meiner Mutter nahm die Krankheit eine extrem rasch verlaufende Form an, in der es kaum richtige Plateauphasen gab, sondern nur permanente graduelle Verschlechterungen. Zu den ersten Anschaffungen gehörte das Atemgerät. Innerhalb weniger Monate konnte sie nicht mehr laufen, das Essen wurde wegen der Schluckbeschwerden zur Qual, das Sprechvermögen verschwand innerhalb von zwei Monaten. Die ganze Zeit stand das Gespenst eines qualvollen Erstickungstodes im Raum, aber am Ende ist sie doch friedlich eingeschlafen.

Keine technische Scheu

Nur gut, dass meine Mutter keine Scheu vor der Technik hatte und wir noch bis fast zum Schluss mit einer Kommunikationshilfe miteinander kommunizieren konnten. Meine Mutter tippte alles in einen dafür ausgerüsteten iPad ein, wo wir es dann lesen oder anhören konnten. Missverständnisse gab es trotzdem jede Menge und es war für jeden von uns (ich habe noch vier Geschwister) eine sehr harte Zeit.

Tracheotomie ja oder nein?

Meine Mutter hatte sich sehr lange nicht entscheiden können, ob sie eine Tracheotomie (Luftröhrenschnitt) machen lassen will oder nicht. Sie hat so gerne gelebt! Am Anfang der Krankheit war eine Tracheotomie durchaus noch eine Option, am Ende hat aber wohl nicht mehr. Meine Mutter hat nie mit der Krankheit an sich gehadert, aber Selbstbestimmung war ihr unglaublich wichtig und davon musste sie im Laufe der Krankheit immer mehr abgeben. Das hat ihr sicherlich sehr zugesetzt. Bei der Betreuung hat uns u. a. der ambulante Pallativdienst der Malteser zur Seite gestanden und von dort bekamen wir das tolle Angebot für eine Kunsttherapie für meine Mutter. Kunst und Kreativität waren ja ihr Lebenselixir. Die Kunsttherapie hat ihr dabei geholfen, ihren Frieden zu machen, sich bewusst gegen eine Tracheotomie zu entscheiden.

Von da an ging alles rasend schnell.

Wir haben die Patientenverfügung fertiggestellt und die  Verfügungen für die Beerdigung besprochen. Lange wollte sie kein Morphium nehmen und nachdem sie sich dann dazu entschlossen hatte, hatte sie mit Übelkeit zu kämpfen und es ging ihr zunächst richtig schlecht, bis sie vernünftig eingestellt werden konnte.
Als ich an einem Tag zu ihr kam, habe ich einen richtigen Schreck bekommen. Ein Teil ihrer Energie war einfach weg, es fühlte sich so an, als fehle mindestens ein Drittel. Ich hatte mir da schon gedacht, dass es nicht mehr so lange dauert – aber natürlich war ich nicht darauf vorbereitet, wie schnell …

Am 4. Februar bin ich einigermaßen beruhigt mit meiner Partnerin nach Berlin geflogen, wo dann am Samstagmorgen der Anruf kam. Wir sind an diesem Tag in die Gedächtniskirche gegangen und haben dort eine Kerze für meine Mutter angezündet. Nachmittags, als ich mich hingelegt hatte, habe ich plötzlich ein inneres Bild gesehen: Meine Mutter als Teenager in einer Art Blase, wie sie tanzt und lacht und glücklich ist.  Am Sonntag sind wir gleich vom Flughafen an ihr Bett geeilt. Da lag sie inmitten all ihrer Schätze. Es war eine so friedliche Atmosphäre im Zimmer, fast heilig.  Ich habe dort mit meiner Partnerin, meiner Schwester und ihrer Tochter gesessen, wir haben über und mit unserer Mutter geredet, das war schön und tröstlich. Zu diesem Zeitpunkt war ich eigentlich nur dankbar, dass es für sie vorbei ist, dass sie erlöst ist und nicht weiter leiden muss. Und auch, dass ich die Möglichkeit habe, auf diese Art Abschied zu nehmen. Abschiedsrituale haben ihren Sinn. Wie sehr habe ich am nächsten Tag gemerkt, als die besten Freundinnen meiner Mutter kamen und an ihrem Bett Totenwache hielten, Geschichten und Anekdoten austauschten. Auch sie waren dankbar, so Abschied nehmen zu können. Für mich selbst ist es sehr tröstlich, dass ich mir die Fotos von meiner Mutter in ihrem Sterbebett ansehen kann.

Auch die Seele braucht ihre Zeit

Ich habe noch nie den Tod eines Menschen wirklich erfahren. Als mein Vater in den 70ern starb, lebten meine Eltern schon jahrelang getrennt und sowieso wurde alles von mir ferngehalten. Diesmal habe ich also alles sehr intensiv und vor allen Dingen bewusst gespürt. Dass meine Mutter dort lag, aber irgendwie auch nicht mehr wirklich meine Mutter war. Wo war das andere, war es noch da?  Am Sonntag, also dem Tag nach ihrem Tod, nur diese friedvolle Atmosphäre in der Wohnung, ansonsten aber eine Leere und meine Mutter sah schon etwas anders aus. Am Montag, dem zweiten Tag, haben einige von uns sehr intensiv ihre Anwesenheit im Badezimmer gespürt (wir konnten sie sogar riechen) und sie selbst sah wieder so aus, als könnte sie gleich aufstehen und beginnen zu sprechen!  Mich hat das so getröstet, dass offenbar auch die Seele ihre Zeit braucht, um gehen zu können. Während wir ihre Wohnung ausräumten, hatten wir öfter das Gefühl, sie sieht uns über die Schulter, erst als die Wohnung leer war, war sie selbst auch ganz fort.

Wie Trauer sich anfühlt

Erst allmählich merke ich, in was für einem Stress sich mein Körper befindet: Ich mag nichts essen, der Körper aber läuft auf Hochtouren, ich schlafe schlecht. Wie Trauer sich anfühlt: Ich fühle mich wie ein Sack Blei, ich habe zu nichts Lust, ich muss mich zu allem zwingen und es fühlt sich an, als dampfe Trauer aus all meinen Poren.

Irgendwo habe ich gelesen, dass sich unsere Gehirne verbinden mit den Gehirnen der Menschen um uns herum und dass es zu einer Art Entzugserscheinung kommt, wenn das nicht mehr möglich ist. Ich habe eine Kamera von meiner Mutter, mit der ich nicht zurecht komme. „Ich muss R. mal fragen, wie das funktioniert“ habe ich mir schon vorgenommen, gleich gefolgt von dem Erschrecken, dass dies nun nicht mehr möglich ist … das wird sicher noch oft passieren.

Ebenso erstaunt merke ich, was mich alles tröstet und besänftigt in dieser Zeit. An der sehr schönen Beerdigungsfeier, die meine Geschwister und ich an einem eher ungewöhnlichen Ort gemeinsam gestaltet haben, haben unglaublich viele Menschen teilgenommen, andere haben geschrieben oder auf andere Weise Anteil genommen. Meine Partnerin ist nicht von meiner Seite gewichen und hat mir so Kraft und Stärke gegeben. Wir haben gemeinsam über der Urne unserer Mutter geweint, auch das war tröstlich … und die Taizé-Gesänge hallen immer noch in meinen Ohren nach wie Mantren …

Unbeschwerte Heiterkeit

Meine Mutter war übrigens auch hochsensibel. Vor langer Zeit habe ich mich diesbezüglich geoutet, meine Mutter sagte dazu nur ganz flapsig, das wisse sie doch schon immer. Später hat sie sich dafür bei mir entschuldigt. Nachdem sie durch mich und meine Arbeit herausgefunden hatte, was Hochsensibilität eigentlich ist und dass sie selbst hochsensibel ist … Ob oder wie viel ihr das genutzt hat, weiß ich leider nicht. Sicher ist, dass meine Mutter als alleinerziehende Mutter von fünf Kindern ein nicht immer leichtes, aber dennoch sehr erfülltes Leben geführt hat.

Wenn ich jetzt an meine Mutter denke, habe ich sofort, trotz all der Trauer und Schwere, ein Gefühl unbeschwerter Heiterkeit. Darum bin ich ganz sicher, es geht ihr gut. Manchmal habe ich auch das Gefühl, sie ist bei mir, ein wirklich tröstliches Gefühl … Was soll ich noch sagen? Ich bin sehr traurig, aber alles ist gut.

Herzliche Grüße, Ihre

Monika Richrath

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10 Kommentare

  1. Ernst

    Dein Text, liebe Monika, hat mich sehr berührt!

    Antworten
    • Monika Richrath

      Vielen Dank, lieber Ernst! Ich fühle mich immer noch wie in einer anderen Welt, das wird sicher noch eine Weile dauern, bis ich wieder in meinem Leben ankomme … Liebe Grüße, Monika

      Antworten
  2. Karin

    Liebe Monika,
    wunderschön hast du deine Gefühle und Gedanken hier geschrieben. Viele Dinge erinnern mich an den Abschied meiner Mutter – und lass dir eines sagen, das mit der Kamera bekommt du bestimmt noch geregelt. Mir ging es so mit einer Nähmaschine. Es hat jetzt allerdings 3 Jahre gedauert, aber ich habe es hinbekommen. Sie funktioniert und das ganz ohne Beschreibung. Meine Gespräche mit meiner Mutti haben bestimmt dazu beigetragen 🙂

    Antworten
    • Monika Richrath

      Vielen Dank, Karin! Das lässt ja hoffen – ich habe noch mehr Geräte und Gerätchen 😉

      Antworten
  3. GERTRUD

    Liebe Monika,

    heute Morgen kam mir der Gedanke, auf Deine Seite zu schauen. Dein Beitrag hat mich seeeeeehr berührt. Unbekannter, fast wie bekannt, meine aufrichtige Anteilnahme.

    Es kam beim lesen in mir der Wunsch, man möge mir auch so einen liebevollen Abschied bereiten.

    Meine Mutter hatte MS und lebte damit 26 Jahre. Die letzten Jahre mit Diabetes, eingeschränkter Sehkraft,ohne Hilfe nicht mehr gehfähig und leicht demenziell. Sie wurde 66 Jahre alt und starrb vor 39 Jahren. Ich habe sie viele Jahre betreut, war damit aber fast immer überfordert.

    Ich wende EFT mit Hilfe Deines Arbeitsbuches an: seit 02. Februar arbeite ich an der Vorbehandlung einer massiven PU

    Vor ein paar Tagen rückte meine Mutter wieder in meinen Focus und ich dachte, vielleicht war sie auch hochssennsibel. (sie hat sehr großes Leid im Krieg und durch den Tod meiner beiden ältesten Geschwister erduldet. Vielleicht aus dem Grund die Autoimunerkrankung MS)
    Bei meiner Schwester vermute ich ebenfalls Hochsensibilität. (Sie hat sich total in ihr Schneckenhaus zurückgezogen/eingekapselt)
    Heute weiß ich, das mein Ehemann, mein Sohn und meine Enkeltöchter (Laura mit ihren 5 1/2Jahren ganz sicher u Sina mit ihren 2 1/2 Jahren scheint zu folgen) auch hochsensibel sind.
    Natürlich lebt es Jede/Jeder auf Ihre/Seine Art und Weise!
    Ich hoffe, das die Kinder heute bessere Möglichkeiten bekommenn, ihrer Fähigkeiten und Begabungen zu leben.

    Mit meinem Komentar möchte ich die Trauer über den Verlust Deiner Mutter nicht schmälern.
    Es ist nur der Versuch, die Betreuug unnd den Tod meiner Mutterr aufzuarbeiten.

    Alles Liebe und Gute
    wünscht dir von Herzen
    Gertrud

    Antworten
    • Monika Richrath

      Liebe Gertrud, vielen Dank! Alle BloggerInnen brauchen Kommentare – sonst macht das Bloggen keinen Spaß. Als Bloggerin kann ich mir nicht mehr wünschen, als dass meine Beiträge andere Menschen dazu anregen, über ihr eigenes Leben nachzudenken! Wenn sie mir/uns dazu noch etwas über ihr eigenes Leben erzählen, ist das sozusagen das Tüpfelchen auf dem i!

      Und in diesem speziellen Fall helfen mir alle Kommentare und trösten mich. Es hat etwas damit zu tun, in ein ewiges Kontinuum eingebunden zu sein: andere Menschen vor mir haben etwas Ähnliches schon erlebt und andere, die nach uns kommen, werden eine ähnliche Erfahrung machen (auch wenn sie im Einzelfall ganz anders aussehen kann) …

      Zum Thema Pflege will ich unbedingt zu einem späteren Zeitpunkt noch mal einen Blogbeitrag machen, dazu gibt es einiges zu sagen …

      Ich freue mich auf weitere Kommentare von Dir, Gertrud!

      Liebe Grüße, Monika

      Antworten
  4. GERTRUD

    Liebe Monika,

    danke das Du dich über meinen Kommentar gefreut hast.
    Ich bin so froh, meine Hochsensibilität mit einem Menschen teilen zu können, der mich versteht.
    Auf Deinen Blog: „Was heißt hier Normal“ im Juni 2014 habe ich Ende letzten Jahres geantwortet.
    Wie geschrieben, ist mir da ja erst wirklich klar geworden, das ich hochsensibel bin.
    Im Moment habe ich noch viel zu ordnen, aufzuräumen, umzuräumen, loszulassen, wegzuwerfen; einfach ORDNUNG im AUSSSEN zu schaffen. Das befreit mich von meiner INNNEREN UNORDNUNG. Mein Kopf wird freier und ich viel gelassener.
    Im Mai werde ich 68 Jahre alt und ich freue mich darauf, hoffendlich noch viele „UNBELASTETE“ Jahre leben zu dürfen.i
    In einer ruhigen Stunde werde ich dir vielleicht noch mal ausführlicher von mir schreiben. Ich will mich aber nicht unter Druck seetzen.

    Liebe Grüße Gertud

    Übrigens: den Beitrag von Charly Chaplin über seine Selbstliebe kenne ich schon viele Jahre.
    Wieder ein Zeichenn für mich, das es keine Zufälle gibt

    i

    Antworten
    • Monika Richrath

      Danke Gertrud, ich wünsche Dir auch noch viele unbelastete Jahre!
      Herzliche Grüße, Monika

      Antworten
  5. Madame Flamusse

    Liebe Monika Richrath, ein wirklich sehr berührender Text, ich wünsche Ihnen weiterhin dieses gefühl des Friedens neben der Trauer. Mir selbst haben hier oft Rituale gefehlt. Abeschiednehmen ist so so wichtig, dann hat auch die Trauer mehr Raum.
    Alles Gute

    Antworten
    • Monika Richrath

      Vielen Dank! Mir haben viele Leute gesagt, dass da bestimmt noch ein großes Loch kommen wird, aber eigentlich wächst der Frieden immer weiter … und meine Dankbarkeit über diese Erfahrung …

      Antworten

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