Das Schweigen verlassen: Kriegskinder und Kriegsenkel

Von Monika Richrath

„Nach dem dritten Burnout und div.  sog. „Autoimmunkrankheiten“ (chronische Herpesinfektion, Fibromayalgie, Hashimoto, Nebennierenschwäche, HPU) ist mir endlich klar geworden, dass ich nicht funktionieren kann in den üblichen Strukturen der Arbeitswelt und ich habe den Mut gefunden, mich selbständig zu machen. Seit 2011 arbeite ich als Coach und Trainerin für Klopfakupressur und bin die Autorin dieses Blogs.“

10. Mai 2015

Wenn Sie merken, dass Sie beim Lesen dieses Artikels in Stress geraten, klopfen Sie doch einfach beim Lesen Ihre Handkante, wie auf dem Foto gezeigt.

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Wie ein Schatten liegt das Schweigen auf dem Leben unserer Eltern, der Generation der sog. Kriegskinder. Ein Schweigen mit weit reichenden Folgen, denn …dieser Schatten belastet auch das Leben meiner Generation, der sog. Kriegsenkel - und wird u. U. auch die nachfolgenden Generationen weiter belasten.

Unsere Eltern haben Schlimmes erlebt: den Krieg mit all seinen Auswirkungen wie Todesgefahr, Verlust von Angehörigen, Verlust des Zuhauses, Hunger, Kinderlandverschickung, Aufwachsen in Trümmern, Flucht und Verfolgung, Gewalt, Ausgeliefertsein an traumatisierte Soldatenväter etc.  Viele Kriegskinder haben das Erlebte in sich eingekapselt, das Leben musste ja weiter gehen und vermutlich war vieles, was erlebt wurde, auch unaussprechlich. Aber: mit Fragen kommt man nicht weiter. Am liebsten wollen sie gar nicht an diese Zeit erinnert werden, an das Grauen, den Mangel und die Entbehrung. Auch wenn es schwer fällt: Man kann ihnen das nicht vorwerfen.

Wir müssen eines im Auge behalten: dass unsere Eltern systematisch und vorsätzlich gebrochen wurden durch die schwarze Pädagogik einer Johanna Haarer, deren 1934 erschienene Erziehungsratgeber „Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind“ sich an den Erziehungsvorstellungen Adolf Hitlers orientierte. Sie vertrat die Ansicht, dass man Säuglinge sofort nach der Geburt isolieren sollte, Mutter und Kind sollten gar nicht mehr die Möglichkeit bekommen, eine Bindung aufzubauen. Haarer vertrat auch die Ansicht, dass man Babies schreien lassen, nicht auf ihre Bedürfnisse eingehen sollte. Diese Pädagogik erfreute sich nicht nur zur Zeit unserer Eltern einer großen Beliebtheit, sondern wurde bis in die 1990er Jahre hinein vertreten.

Es ist kein Wunder, dass letzten Endes dabei eine Generation heranwuchs, die sich durch Sprachlosigkeit, Bindungsunfähigkeit, ein extremes Sicherheitsbedürfnis, Kindlichkeit, Interesselosigkeit, fehlendes Einfühlungsvermögen und Leistungsbereitschaft auszeichnet. Die Generation unserer Eltern. Und diese Generation hat uns, ihren Kindern, reichlich Aufträge mitgegeben: den Auftrag des Schweigens über diese Zeit z. B., oder den Auftrag Scham und Schuld zu empfinden oder auch etwas zu leisten und aufzubauen. Diese Generation ist vermutlich zu großen Teilen traumatisiert, in meiner eigenen Familie kommt mir all das Unaussprechliche oft vor wie ein Pulverfass, das jederzeit hochgehen kann.

Für uns hochsensible Menschen sind die Aufträge aus der Vergangenheit besonders schwierig. Wir haben ja sowieso schon die Tendenz, uns völlig auf unsere Bezugspersonen einzustellen, wenn wir in einem etwas schwierigen Umfeld aufwachsen. Oft haben wir das Gefühl, wir müssen uns um unsere Eltern kümmern, etwas wieder gut machen (was nur?), dafür sorgen, dass es unseren Eltern gut geht. Ein Verhalten, das häufig auch von den Eltern gefördert und gefordert wird, immer geht es um ihre Bedürfnisse und selten um unsere eigenen. Und da wir uns ja als Hypersensitive häufig alles sehr zu Herzen nehmen, hat die Sprach- und Bindungslosigkeit unserer Eltern zwangsläufig auch in uns ihre Spuren hinterlassen.

Lebensfreude fällt ihnen häufig schwer. Was sie hingegen häufig „vererben“ ist eine eher pessimistische, sehr auf Sicherheit bedachte Weltsicht, in der Neugier, Spontanität und Lebensfreude keinen Platz haben.

Die besondere Empfindsamkeit in diesem Zusammenhang kann sich auch anders äußern, ich habe schon davon gehört, dass jemand die Kriegserlebnisse der eigenen Eltern in Träumen verarbeitete.

Besonders fatal erscheint mir der Auftrag des Funktionieren-Müssens und der Leistungsbereitschaft. Als HSP sind wir häufig Perfektionisten, die eine 200 oder 300 %ige Leistungsbereitschaft auszeichnet - ohne jedoch die dafür nötige körperliche Vitalität zu besitzen. Vielleicht war es aber auch der einzige Weg, hin und wieder die Anerkennung der Eltern zu gewinnen.

Vor einigen Jahren habe ich das Buch Kriegsenkel von Sabine Bode gelesen, es war wie eine Offenbarung (die übrigens der Erleichterung der Entdeckung meiner eigenen Hochsensibilität ähnelte). Gestern habe ich einen Vortrag zu dem Thema gehört, der sehr gut besucht war. Ich bin sehr froh, dass dieses Thema in die Öffentlichkeit findet, immer mehr Betroffene finden sich zusammen und reden miteinander. Reden hilft, selbst wenn die eigenen Eltern lieber schweigen wollen, können Sie doch mit anderen Menschen reden, die sich in einer ähnlichen Situation befinden. Mittlerweile gibt es viele Vereine, Gesprächsgruppen, etc. Hier ist z. B. eine Seite mit interessanten Links.

Ahnenforschung hilft auch weiter. Ich habe hierzu ja schon einmal den Beitrag Spurensuche geschrieben. Jedesmal, wenn ich etwas über meine Vorfahren herausfinde, finde ich etwas über mich heraus. So einfach ist das. Ich wünschte, ich hätte schon früher damit begonnen.

Sind die Kriegserlebnisse Ihrer Eltern auch ein Thema für Sie? Ich freue mich, wenn Sie Ihre Erfahrungen mit uns teilen.

Herzlichst, Ihre

Monika Richrath

 

Ein paar Literaturtipps: (und längst nicht alles, was es zu diesem Thema zu lesen gibt!)

Sabine Bode: Kriegsenkel

Sabine Bode/Luise Reddemann: Die vergessene Generation: Die Kriegskinder brechen ihr Schweigen

Michael Schneider/Joachim Süß: Nebelkinder: Kriegsenkel treten aus dem Traumaschatten der Geschichte

Anne-Ev Ustorf: Wir Kinder der Kriegskinder: die Generation im Schatten des zweiten Weltkriegs

Bettina Alberti: Seelische Trümmer: Geboren in den 50er und 60er Jahren: die Nachkriegsgeneration im Schatten des Kriegstraumas

Hilke Lorenz: Kriegskinder: das Schicksal einer Generation

Jens Orback/Regine Elsässer: Schatten auf meiner Seele: ein Kriegsenkel entdeckt die Geschichte seiner Familie

 

 

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14 Kommentare

  1. Wolfgang

    Ich bin mittlerweile 60 Jahre alt und habe immer noch ein ungelöstes Schuldgefühl meinen bereits verstorbenen Eltern gegenüber.
    Diese mussten so eine schlimme Zeit erleben und wollten nach dem Krieg alles tun um ihren Kindern ein besseres Leben zu ermöglichen.
    Dabei haben sie keine emotionale Zuwendung aufbringen können und versuchten so viel materiellen Wohlstand wie möglich zu erarbeiten.
    Und der erbende Sohn hatte demgegenüber immer ein schlechtes Gewissen und wollte eigentlich alle Verpflichtungen los werden, um frei von dem ganzem Schlamssel zu sein. Tja, blöd gelaufen…

    Antworten
    • Monika Richrath

      Vielen Dank, lieber Wolfgang. Ich fürchte, damit haben viele unserer Generation zu kämpfen … leider!
      Herzliche Grüße
      Monika

      Antworten
  2. Claudia

    Nach mittlerweile einigen Jahren des Ringens um Verständnis für meine Eltern, insbesondere meine Mutter, ist bei mir inzwischen nur noch ohnmächtige Wut übrig geblieben. Ich schäme mich fast dafür, kann es aber auch nicht ändern. Diese Interessenlosigkeit und völlige Gleichgültigkeit den eigenen Kindern gegenüber, verquickt jedoch mit dem Anspruch, von diesen bestmöglich umsorgt zu werden, läßt mich schier verzweifeln! Ich habe ein sehr getaktetes, nicht einfaches Leben, möchte mich aber nicht beklagen. Da bin ich sicherlich nicht die einzige. Bei der eigenen Mutter jedoch immer nur der Anspruchshaltung „Du musst für mich da sein“ zu begegnen, ist für mich inzwischen unerträglich. Ich fühle mich einfach nur mißachtet und zurückgestoßen und merke, dass der Wille, sie zu verstehen, mehr und mehr schwindet. Es schmerzt sehr.

    Antworten
    • Monika Richrath

      Liebe Claudia, vielen Dank für Deinen Kommentar, der mich sehr berührt hat. Ich finde es schlimm, dass unsere Generation dem Unwillen und Unvermögen unserer Eltern, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen, relativ hilflos gegenübersteht und die Konsequenzen entweder aushalten oder sich abwenden muss …

      Antworten
  3. Christine

    Liebe Monika

    Seit mehr als 25 Jahren leide ich an einer immer wieder mal auftrendenden Angst- und Panikstörung. Erst mit 50 Jahren habe ich heraus gefunden, dass ich eine Kri gsenkelin bin. Seither geht es mir besser und ich versuche jetzt mehr über die Familie meiner Mutter heraus zu finden. Leider bis heute ohne Erfolg.

    Danke für Deinen Blog.

    Antworten
    • Monika Richrath

      Vielen Dank, Christine! Ich finde es unglaublich, wie sich die Geschichte unserer Vorfahren in unsere Körper einschreibt … Bei facebook gibt es übrigens wirklich tolle Gruppen zum Thema Ahnenforschung, zum Beispiel die Gruppe Ahnenforschung Dort kann man Fragen stellen und wird wirklich toll unterstützt, auch mit Lesehilfen etc. Viel Erfolg noch für Dich beim Forschen und herzliche Grüße, Monika
      .

      Antworten
  4. Kerstin

    Danke fuer diesen Beitrag. Ich bin eine Kriegsenkelin die im Ausland lebt, und herausfinden musste, dass ich natuerlich trotzdem meinem Schicksal nicht entrinnen kann…interessant ist, dass ich (statt dem Schweigen) darunter leide, dass meine Mutter (Ostpreussen-Flucht) schon immer vom Krieg geredet hat, solange ich lebe…und dass das mich so traumatisiert….weil es nichts bringt, rein gar nichts…keine Heilung….

    Antworten
    • Monika Richrath

      Vielen Dank, Kerstin. Es wäre ja vielleicht etwas, was sich beklopfen ließe …? Herzliche Grüße, Monika Richrath

      Antworten
  5. Petra

    Hallo
    Ich habe vor kurzem heraus gefunden, dass ich scheints auch zu den hochsensiblen gehöre. Das hat mir doch so einiges erklärt, dachte ich doch immer, dass es den meisten auch so gehen muss – über alles grübeln, von scheinbaren kleinigkeiten am boden zerstört zu sein, schwingungen und stimmungen anderer so deutlich wahrzunehmen und mich davon so tief berühren zu lassen. Ich „leide“ darunter, macht es doch mein leben so schwer. Und eigentlich wär es doch so schön. Manchmal denk ich schon, ich hab ein gen, das mich nicht glücklich sein lässt.
    Nun las ich das buch von den kriegsenkeln. Darin schildern betroffene von ihrer beziehungschwierigkeit, ihrem abgekapseltsein, ihren unsicherheiten und versagens/ verlustängsten.
    Vieles davon kommt mir sehr bekannt vor. Ich leide unter mir, meiner tiefsitzenden und alles umfassende unsicherheit. Ich will es allen recht machen und fühl mich selber total unwichtig, bin es auch. Ich hab in meiner langjährigen beziehung versagt, die nur aus gewohnheit so lang „lief“, hab eigentlich keine freunde, das zusammensein mit anderen stresst mich völlig, mit meinen ansichten steh ich eh allein da, so dass ich sie garnicht äussere ( sie zu vertreten fehlt mir eh der mut), und nun versag ich vor lauter anspannung auch noch in meinem beruf, der eigentlich das beste war, was ich geleistet hab.
    Inzwischen hab ich mich in meinen garten zurück gezogen und freue mich daran, was ich dort alles zum wachsen bringen kann. Aber eigentlich hätt ich noch soviel mehr zu geben – hab aber nicht mehr die kraft und den mut dazu. Eigentlich schad darum.
    Ich weiss nicht, wie ich was ändern kann.
    Petra

    Antworten
    • Monika Richrath

      Liebe Petra, vielen Dank für Ihren ausführlichen Kommentar. Was Sie beschreiben, kenne ich selbst nur zu gut aus meinem eigenen Leben. Darf ich Ihnen die EFT-Klopftechnik ans Herz legen? Sie hat mein Leben auf revolutionäre Art und Weise verändert – und das beste ist, Sie brauchen dazu nicht mehr als Ihre Finger … Hier ist der Link zur Klopfanleitung:
      https://www.youtube.com/watch?v=G6hLxL3L3Uk
      Wenn Sie fragen haben, können Sie sich gerne an mich wenden. Herzliche Grüße, Monika

      Antworten
  6. Andrea

    Hallo Monica, vielen Dank für deinen Blog. Als HSP’ler habe ich als Kind ganz viel Traurigkeit der Kriegsgeneration gespürt und ich hätte sie am Liebsten alle in den Arm genommen und fröhlich gemacht. Vor Allem meinen Opa. Nun bin ich 39 aber diese Traurigkeit ist nie ganz von mir gewichen. Ab und zu klopft sie wieder an. Kannst du mir was empfehlen?

    Antworten
    • Monika Richrath

      Vielen Dank, Andrea. Ja, da empfehle ich dir natürlich die EFT-Klopftechnik 😉 Das wäre jedenfalls ein sehr gutes Thema zum Klopfen. Als Satz würde ich empfehlen: „Auch wenn diese Traurigkeit nie von mir gewichen ist, liebe und akzeptiere ich mich voll und ganz.“ Oder „Auch wenn ich als Kind ganz viel Traurigkeit in meiner Familie gespürt habe…“ oder „Auch wenn ich meinen Opa fröhlich machen wollte …“

      Liebe Grüße, Monika

      Antworten
  7. Sylvia

    Meine Oma war noch ein Kind, im 1. Weltkrieg. Mein Opa, keine Ahnung. Mein Vater war Weltwirtschaftskrise und wurde noch als Jugendlicher mit 16 Jahren im 2. Weltkrieg eingezogen. Meine Mutter wurde im Krieg geboren. Was ich nicht verstehe, sie hatten so ein Vertrauen und Gewährlassen. Sofort zur Stelle zum Helfen. Sie mußten mehrmals von vorne beginnen, und doch diese liebevolle Art, Freude und Zuversicht. Meine Mutter dagegen eher die „verwöhnte Prinzessin“. Aber doch war wie ein Schatten da. Ich bin in die Geburtsstädte meiner Oma und Vater gereist (meine Mutter ist am gleichen Ort geboren und aufgewachsen) , Muessen besucht. Manches verstehe ich nun besser. Was ich bedauere, vieles habe ich von Dritten und eher zufällig erfahren. Mein Vater hatte nur einmal etwas von sich erzählt.

    In der Schule mußte ich mich für meine Herkunft schämen. Warum? Heute nicht, ich bin stolz auf meine Vorfahren! Ein Stück weit sind sie sogar meine Vorbilder.

    Antworten
    • Monika Richrath

      Vielen Dank, Sylvia. Ja, schade, dass wir so mühselig alles Stück für Stück selbst herausfinden müssen … aber vielleicht dafür umso wertvoller 😉 Herzliche Grüße, Monika

      Antworten

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