Die drei schlimmsten Dinge

Von Monika Richrath

„Nach dem dritten Burnout und div. Autoimmunkrankheiten (chronische Herpesinfektion, Fibromayalgie, Hashimoto, Nebennierenschwäche, HPU) ist mir endlich klar geworden, dass ich nicht funktionieren kann in den üblichen Strukturen der Arbeitswelt und ich habe den Mut gefunden, mich selbständig zu machen. Seit 2011 arbeite ich als Coach und Trainerin für Klopfakupressur und bin die Autorin dieses Blogs.“

25. August 2019

Ich sage es Ihnen am besten gleich – wo Sie noch aufhören können zu lesen – dieser Artikel könnte etwas in Ihnen antriggern und Stress auslösen. Darum möchte ich, bevor ich einsteige, einmal ausdrücklich sagen: Sie lesen auf eigene Gefahr und ich bin nicht verantwortlich für eventuelle Zustände oder Befindlichkeiten, in die Sie durch das Lesen geraten können.

Auch dieser Artikel geistert schon seit Ewigkeiten durch mein Bewusstsein. Man kann sich natürlich (zu recht) fragen, wenn ein Artikel beim Lesen blöde Gefühle auslösen könnte, warum schreibe ich ihn überhaupt? Warum halte ich nicht einfach meinen Mund? 

Ich kann meinen Mund aus dem einfachen Grunde nicht halten, weil es auf diesem meinem Blog vor allem um Wahrheit geht, um Dinge, die ich für mich als wahr (und wichtig!) erachte. Um Dinge, die auch für Sie wichtig und wahr sein könnten. Das entscheiden ja letzten Endes Sie selbst, was auf Sie zutrifft. Sie entscheiden, was Sie damit machen. Das war jetzt ein sehr langer Disclaimer. Ich eiere hier so herum, weil ich davon überzeugt bin, dass alle

diese Dinge in Zusammenhang mit Hochsensibilität stehen.

Ich kenne sie nicht nur aus eigener Erfahrung, sondern alle meine Klienten haben zumindest eins dieser Dinge erlebt. Dabei geht es nicht um einmalige, sondern immer wiederkehrende Vorkommnisse, die

unser ganzes Leben beeinflusst haben

und immer noch beeinflussen. Vielleicht haben Sie sogar das Gefühl, dadurch zu der Person geworden zu sein, die Sie heute sind. Wenn Sie also merken, beim Lesen springt Sie etwas an, dann klopfen Sie bitte entweder die Handkante (Wie auf dem Bild links) oder den Schlüsselbeinpunkt.

 

1. Sie wurden nicht willkommen geheißen

Das trifft die tiefsten Ebenen der menschlichen Existenz, quasi vom Augenblick der Zeugung an. Es ist ja leider immer noch so, dass Kinder nicht unbedingt in Momenten der Freude und Liebe gezeugt werden, es gibt viele andere Umstände, die von Gewalt bis zu Achtlosigkeit reichen können, in denen Frauen schwanger werden, obwohl es nicht „geplant“ war. (Die Frage der Zuständigkeit oder Verantwortung müssen wir hier mal völlig außer Acht lassen, denn sonst geraten wir auf Abwege.)

Ok., schwanger also, dann fügt man sich vielleicht in diese Umstände. Früher wurde dann sofort geheiratet und damit jahrelang zwei Menschen zusammengepfercht, die vielleicht gar nichts miteinander zu tun hatten, sich vielleicht nicht einmal geliebt haben oder einander im Grunde ihres Herzens ablehnten.

Heute wird vielleicht nicht mehr unbedingt geheiratet. Nun kommt also ein Kind und man wird es bekommen. Das ist aber nicht das gleiche wie ein Kind willkommen heißen.

Es gibt natürlich die Möglichkeit, dass man zwar in Liebe gezeugt wird, aber man trotzdem nicht willkommen ist, weil die Eltern, vor allen Dingen die Mutter, vollkommen überfordert ist mit dieser Aufgabe. Vielleicht ist sie nicht bereit, ihr eigenes Leben aufzugeben. Vielleicht hat sie auch das Gefühl, selbst noch gar nicht wirklich gelebt zu haben (Früher ging es ja häufig direkt vom Elternhaus in die Ehe).

Dies sind alles Umstände, die bewirken können, dass man sich einfach nicht willkommen fühlt. Ich habe mich nun schon eine Weile mit Geburtstraumata beschäftigt. Letzten Endes bedeutet diese allererste Erfahrung für uns, wenn wir auf die Welt kommen, dass wir in diesem Leben nicht willkommen sind. Und wir wissen und spüren das. Daran schließt sich gleich das nächste schlimme „Ding“ an:

2. Wir werden nicht beachtet/emotional misshandelt

Es gibt Studien, aus denen hervorgeht, dass emotionale Misshandlung genauso schlimm ist wie körperliche Misshandlung. Es reicht, wenn einem die eigenen Eltern immer wieder Dinge sagen wie „Du kannst aber auch gar nichts richtig machen“, wenn sie vollkommen lieblos sind, sich weigern, mit uns zu sprechen (manchmal tagelang), uns niemals in den Arm nehmen usw. Die ganze Palette umfasst

  • Beschimpfen
  • Verspotten
  • Erniedrigen
  • Ignorieren
  • Liebesentzug
  • Quälen
  • Einsperren
  • Rolle des Sündenbocks zuweisen
  • Isolieren von Gleichaltrigen
  • Bedrohen
  • Zu starken Behüten/Erdrücken
  • Keine Grenzen setzen
  • Überforderung durch unangemessene Pflichten
  • Vertrauter eines Elternteils werden
  • Bevorzugung von Geschwistern usw.

Man weiß heute, dass sich

das Gehirn entwickelt mit den Erfahrungen, 

die wir in unseren ersten drei Lebensjahren machen. D. h., wenn wir in dieser Zeit immer wieder die Erfahrung machen, dass wir alleine sind oder nicht sicher, können sich im Gehirn entsprechende Schaltkreise ausbilden, die dazu führen, dass wir ängstliche und unsichere Menschen werden.

Man weiß auch, dass unser Immunsystem durch diese Erfahrungen auf Jahre hinaus geschädigt wird, weil sich die Entzündungswerte im Blut erhöhen oder wir chronische Schmerzen entwickeln. Es gibt eine interessante Studie der Wissenschaftlerin Marije Stoltenberg der Universität Leiden. Sie kam 2012 zu dem Ergebnis, dass 36,3 % aller Kinder weltweit emotionale Misshandlung erfahren. Puh, da muss man erst einmal tief durchatmen.

Kommen wir zum 3. Punkt, der eigentlich zur emotionalen Misshandlung gehört, aber da ich ihn immer wieder als besonderen Stolperstein für meine Klient*innen erlebe, hier also als Extrapunkt:

3. Wir dürfen nicht wir selbst sein.

Das kann viele Gründe haben. Wenn wir fast immer nur Ablehnung erfahren von den Eltern, konzentrieren wir uns vielleicht darauf, doch noch Anerkennung zu bekommen. Daraus kann z. B. die für viele hochsensible Menschen so wichtige Triebkraft des PERFEKT-SEIN-MÜSSENS entstehen. Irgendein Teil unseres Unbewussten ist vermutlich zu dem Entschluss gekommen, dass wir nicht gut genug sind, denn sonst würden unsere Eltern uns ja lieben oder anders behandeln. Und wir strampeln uns ein Leben lang ab, etwas zu bekommen, was wir nicht bekommen können, bzw. nicht mehr. In jeden Fall richten wir uns  dann danach,

was die Eltern wollen,

bzw. was sie als richtig erachten. Wir versuchen, so zu sein, wie unsere Eltern uns haben wollen: lieb, fleißig, unauffällig, anspruchslos. Oft genug sind wir all dies aber nicht, wir sind eigentlich laut oder lebenslustig, oder aufmüpfig, oder wütend. Aber da wir uns so nicht zeigen dürfen – denn dann gibt es noch mehr oder wieder Ablehnung – geben wir uns selbst nach und nach auf und versuchen, der gewünschte Mensch zu werden, das Aschenputtel, das alle Arbeit erledigt, der/die 1er Schüler*in, Vertraute/r der Mutter, die alle ihre Sorgen und Eheprobleme bei uns ablädt usw. Am Ende

wissen wir nicht mehr, wer oder was wir sind.

Im schlimmsten Fall können wir nicht einmal sagen, was unsere Bedürfnisse sind. Weil wir es einfach nicht wissen. Weil man uns nicht erlaubt hat, Bedürfnisse zu äußern, vielleicht nicht einmal, welche zu haben …

Puh, das Schreiben dieses Artikels war auch für mich ein Kraftakt.

Ich vermute, dass all diese Dinge einen Zusammenhang haben mit Hochsensibilität.

Wie immer freue ich mich über Ihre Kommentare.

Von Herzen, Ihre Monika Richrath

Bild von RachelBostwick auf Pixabay

Die 3 schlimmsten Dinge

Ich bin zwar keine Wissenschaftlerin, aber die neugierige Forscherin in mir möchte gerne mehr wissen. Darum habe ich eine Umfrage zu dem Thema erstellt, ich freue mich, wenn Sie mitmachen. Ihre E-Mail Adressen werden nicht gespeichert.

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11 Kommentare

  1. Liebe Monika
    Puh, der Blog spricht für sich.
    Ich spürte ganz starke emotionale Betroffenheit.
    Habe an der Umfrage teilgenommen.
    Mein Vater hat mich nach seinen Wünschen “ in die Form gepresst “
    Bin dir sehr dankbar, das du es oeffendlich gemacht hast.
    Liebe Gruesse Gertrud

    Antworten
    • Vielen Dank, Gertrud. Ich weiß, dass das nicht leicht zu lesen war. Das Schreiben war auch schwer … Danke, dass du mitgemacht hast. Liebe Grüße, Monika

      Antworten
    • So, jetzt sollte man auch die Antworten sehen können, das ist wirklich erschreckend. Liebe Grüße, Monika

      Antworten
  2. Liebe Monika, ich folge Deinem Newsletter schon eine Weile und habe schon viele interessante Impulse daraus geschöpft.
    Auch ich würde mich als hochsensibel beschreiben (sonst hätte ich vermutlich nicht ‚zu Dir‘ gefunden).

    Meines Erachtens sprichst Du mit Deinem Artikel der ‚3 schlimmsten Dinge‘ etwas sehr Wichtiges an, was nicht nur Hochsensible betrifft sondern alle, die sich dafür entscheiden, ein Kind in die Welt zu setzen.
    Ich habe ebenfalls Ähnliches erlebt – wenn auch sicherlich in nicht so krasser Art und Weise. Punkt 2 traf aber definitiv zu, da meine Mutter (wie ich meine selbst HSP – rückblickend ist mir das nun klar) häufig mit ihrer Rolle als Mutter überfordert war.
    Sich aber Hilfe zu holen oder sich ein überfordert sein überhaupt einzugestehen war damals ein Tabu.
    Ich selbst habe mich (auch) deshalb gegen eigene Kinder entschieden, da ich Angst vor der eigenen Überforderung habe und meinen Kindern solche Erfahrungen ersparen möchte.
    Mein Wunsch wäre es, die Eltern besser zu unterstützen und darüber aufzuklären, was ihr überfordert sein für Folgen hat.
    Eine mögliche Folge kann HSP sein, eine andere Drogenabhängigkeit, wieder eine andere psychische Probleme…

    Puh, das war ein langer Kommentar…du siehst, das Thema beschäftigt mich auch. Daher Danke fürs Teilen und ganz liebe Grüße aus Hamburg,
    Julia

    Antworten
    • Vielen Dank, Julia. Dami Charf hat vor einiger Zeit die These formuliert sind, dass wir möglicherweise hochsensibel sind aufgrund dieser Erlebnisse. Das finde ich sehr spannend, daher versuche ich, herauszufinden, ob da was dran sein könnte. Ich finde, die Ergebnisse der Umfrage sprechen für sich, aber natürlich bin ich keine Wissenschaftlerin … liebe Grüße, Monika

      Antworten
  3. Ich bin hochsensibel, habe mich aber sehr willkommen und geliebt gefühlt. Meine Mutter war mit mir oft überfordert, ja, aber von diesen drei Dingen erlebt doch fast jeder Mensch etwas mehr oder weniger stark, der keine komplett erleuchteten Eltern hat. Ich glaube nicht, dass diese Erlebnisse mit Hochsensibilität zu tun haben, sonst wären doch fast alle Menschen hochsensibel. Mein Mann hat diese drei Dinge viel stärker erlebt als ich und ist das Gegenteil von sensibel. Außerdem wissen wir nicht aufgrund der Umfrage hier, wie das Bild bei normalsensiblen Menschen ist und daher halte ich die Umfrage für wenig aussagekräftig. Ich will niemandem zu nah treten, selbst forschen finde ich gut und wichtig. Nur habe ich für mich entschieden, dass ich kein Opfer der Umstände bin. Das befreit. Und Hochsensibilität ist keine Krankheit wie zum Beispiel eine Angst-Störung, die aus einem Trauma erwachsen kann. Ein Trauma ist heilbar, Hochsensibilität zum Glück nicht. <3

    Antworten
    • Danke Inga, davon, dass wir Opfer sind, war auch nicht die Rede … Herzliche Grüße, Monika

      Antworten
  4. Liebe Monika,

    Ich war zwar ein Wunschkind (nach meinem Bruder geboren), aber habe dann oft die Erfahrung gemacht
    (schon als Kleinkind), dass meine Mutter mich nicht verstanden hat und Probleme mit Nähe zu mir entwickelte, als ich ca. 2 Jahre alt war und das hielt dann an. Soviel zum Thema Annahme erfahren.
    Die weitere Beziehung zu meiner Mutter war nicht einfach… , weil sie wohl noch eigene Probleme mit ihrer
    Kindheit hatte und psychisch angeschlagen war.
    Auch ich hatte lange Zeit nicht den Wunsch, eigene Kinder zu haben. Habe dann meinen Mann mit dessen zwei Kindern geheiratet, die bei der Mutter lebten und regelm. zu Besuch kamen. Ich mochte
    die beiden sehr, hatte aber in einigen Punkten auch Altgepäck auf dem Rücken…
    LG
    Iris

    Antworten
    • Vielen Dank, Iris! Liebe Grüße, Monika

      Antworten
  5. Liebe Monika,
    ich bin so froh, dass es EFT gibt und ich wende es schon seit Jahren an, weil es mir einfach gut tut. Gerade wir Hochsensiblen brauchen ein Werkzeug das uns hilft bei uns zu bleiben und uns selbst nicht zu verlieren im Strom der Außenreize. Da ich eine „starke Frau“ bin, hilft mir dein Blog sehr, milder mit mir umzugehen und mich ganz besonders mit meiner Hochsensibilität zu akzeptieren. Die Selbstsabotagen bzw. negativen Glaubenssätze sind ja Schlüsselthema von EFT. Ich bin da auf ein Hörbuch von Stefanie Stahl gestoßen, „Das Kind in dir muss Heimat finden“. Hier wird sichtbar gemacht, dass wir fast unerschütterlich an unsere Kindheitserfahrungen glauben und sie in unser Erwachsenen-Ich mitnehmen. Vielleicht kennst du dieses Buch/Hörbuch ja schon. Ich finde es eine geniale Anleitung um das Schattenkind in uns zu heilen. Liebe Grüße, Ingrid

    Antworten
    • Vielen Dank, liebe Ingrid. Ich bin ein großer Fan von Stefanie Stahl, dieses Buch steht noch auf meiner Liste 😉 Liebe Grüße, Monika

      Antworten

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