Katastrophale Bindungserfahrungen

Von Monika Richrath

„Nach dem dritten Burnout und div. Autoimmunkrankheiten (chronische Herpesinfektion, Fibromayalgie, Hashimoto, Nebennierenschwäche, HPU) ist mir endlich klar geworden, dass ich nicht funktionieren kann in den üblichen Strukturen der Arbeitswelt und ich habe den Mut gefunden, mich selbständig zu machen. Seit 2011 arbeite ich als Coach und Trainerin für Klopfakupressur und bin die Autorin dieses Blogs.“

19. Januar 2020

Jetzt haben Sie wirklich sehr, sehr lange nichts mehr von mir gehört. Die Pause am Jahresende hatte ich wirklich bitter nötig, denn, ehrlich gesagt, bin ich sehr mitgenommen von den Entwicklungen in meinem Leben.  Daher finde ich, es ist eine ganz gute Idee, das Jahr 2020 (ich liebe diese Zahl total!) mit einem persönlichen Artikel zu starten.

Wenn Sie meinem Blog folgen, erinnern Sie sich vielleicht, dass ich mich vor kurzem verliebt habe. Und das ist eine echte Herausforderung (Stress pur) für mich.

Beziehungen sind für mich eher ein Buch mit sieben Siegeln, das ich bis jetzt noch nicht richtig entziffern konnte. Was daran liegt, dass meine

Beziehungserfahrungen katastrophal

sind.

Mittlerweile habe ich mich an den Gedanken gewöhnt, Hochsensibilität etwas mit meinen frühkindlichen Erfahrungen in der Welt zu tun haben könnten. (Genau weiß ich es natürlich nicht, aber nach allem, was ich mittlerweile über Trauma gelernt habe, erscheint es mir ausgesprochen plausibel.)

Eine gute Gelegenheit einmal zu erzählen, wie meine ersten Bindungserfahrungen ausgesehen haben:

Meine Mutter war bei meiner Geburt gerade mal 24 Jahre alt. Das erste Kind hatte sie mit 21 bekommen. Das zweite mit 22. Sie lebte mit ihren Kindern in der Wohnung ihrer Mutter. Mein Vater glänzte vornehmlich durch Abwesenheit. Er fühlte sich offenbar nur in psychiatrischen Kliniken geborgen. Meine Mutter musste sich allein um die beiden Kinder kümmern. Sie war total frustriert. 24! So jung und schon irgendwie gefangen. So hatte sie sich ihr Leben nicht vorgestellt! Sie war ziemlich verzweifelt. Nervös. Einsam. Alles musste sie alleine machen. Die Beziehung zu meinem Vater hatte schon Schaden genommen.

Kein Wunder, dass sie sich nicht auf mich freute.

Tragischerweise hatte es ja gar nichts mit mir persönlich zu tun. Aber ich habe immer gewusst, dass ich nicht so richtig willkommen war. Im Zuge meiner Familienrecherche habe ich dann ja auch herausgefunden, dass mein Gefühl richtig war.

Im Grunde genommen war also unsere Beziehung schon von meiner Geburt an beeinträchtigt. Kein Wunder, dass ich es nicht eilig hatte mit dem Geborenwerden. Eineinhalb Wochen habe ich mir Zeit gelassen. Ob ich dann tatsächlich freiwillig kam oder geholt werden musste, konnte ich bislang leider nicht herausfinden.

Zwischen meiner Mutter und mir ging es problematisch weiter. Im Krankenhaus war noch alles gut gewesen. Vielleicht, weil meine Mutter dort selbst umsorgt wurde und sich ausruhen konnte. Zuhause war das anders. Da war sie wieder alleine mit der Verantwortung für die Kinder. Mein Vater war wieder irgendwo zur Kur. Jedenfalls hatte meine Mutter keine Milch mehr für mich (Ich beginne erst jetzt zu ahnen, wie mich das beeinflusst haben könnte!).

Drei Monate nach meiner Geburt gab es einen großen Einschnitt für die Familie. Meiner Mutter zog mit meinem Vater ins Rheinland in die erste eigene Wohnung. Da die Kinder während des Umzugs den Erwachsenen im Weg gewesen wären, wurden wir verteilt und für ein paar bei verschiedenen Menschen untergebracht. Ich kam zu einer Freundin der Mutter meines Vaters (meine Patin?). Ziemlich katastrophal für ein drei Monate altes Wesen.

Aber es kam noch schlimmer

Sechs Monate nach meiner Geburt war meine Mutter (die zudem wieder schwanger war mit meinem Bruder) total am Ende. Sie wurde zur Kur in die Eifel geschickt, in ein von Nonnen geleitetes Heim, ohne Kinder natürlich, sie sollte sich ja erholen. Sechs Wochen lang. Meine beiden Schwestern waren in dieser Zeit in einem Kinderheim, mein Vater war in dieser Zeit zwar wieder zu Hause, aber offenbar konnte oder wollte er sich die Aufgabe, sich sechs Wochen lang um zwei Kleinkinder zu kümmern, nicht zumuten.

Ich war in dieser Zeit wieder bei der oben besagten Freundin der Mutter meines Vaters.

Es gab auch später noch andere Gelegenheiten, eine sechswöchige, traumatische Kinderlandverschickung im Allgäu, ein Krankenhausaufenthalt meiner Mutter, in deren Abwesenheit wir von einer furchterregenden Haushaltshilfe regiert wurden …

Die Liebesgeschichte zwischen meiner Mutter und mir

bestand vornehmlich aus Schwierigkeiten und Abbrüchen

was in der Folge dazu geführt hat, dass Liebe, Bindung und Beziehungen für mich immer schwierig waren. Für mich selbst betrachte ich gerade die beiden Trennungen in meinen ersten sechs Monaten als prägend. Das hat sich in allen Beziehungen fortgesetzt.

Oftmals wurde ich von jetzt auf gleich verlassen, ohne Angabe von Gründen oder vollkommen absurden, nicht nachvollziehbaren Gründen. Einmal hat jemand mit mir Schluss gemacht, weil sie meinen (vollkommen legalen) Schwangerschaftsabbruch Anfang 20 so schrecklich fand (sie wollte selbst Kinder haben – hat aber meines Wissens bis jetzt keine Kinder bekommen). Oder jemand ließ sich am Telefon verleugnen und war fortan nie mehr zu sprechen. Oder ich wurde durch permanenten Betrug verlassen. Die Liste ist sehr lang und ließe sich unendlich fortsetzen.

Manchmal bin ich auch selbst gegangen. Die Männer habe ich durchweg alle selbst verlassen. Die Frauen eher weniger, aber es kam auch vor.

Bei Bindungsschwierigkeiten sind die Rollen durchaus umkehrbar, ohne das Gesamtkonzept zu verändern. Es hat sehr lange gedauert, bis ich verstanden habe, dass ich nicht nur verlassen wurde, sondern

mich selbst auch aktiv zurückgezogen

habe, von Anfang an. Aber als Säugling hat man da vermutlich nicht so sehr die Wahl …

Wie auch immer, all das hat natürlich dazu geführt, dass die Angst mit jeder neuen Liebe wächst und ich schon im Vorfeld Verlassensängste in einem vollkommen unangemessenen Ausmaß entwickele, aber auch Ängste vor Verletzung etc.

Diesmal fühle ich mich aber besser gewappnet. Weil ich so viel über Bindung und Trauma gelernt habe im letzten Jahr. Weil ich so viel geklopft habe. Weil ich mich so intensiv mit meinen Glaubenssätzen zum Thema Liebe und Bindung auseinandergesetzt habe. Weil ich schon im letzten Jahr damit begonnen habe, mich nach und nach von Menschen zu trennen, mit und zu denen es keine richtige Bindung gibt.

Und weil ich es einfach noch einmal wissen will: Jetzt kann ich meine Hochsensibilität viel bewusster leben, ich habe einen besseren Blick über meine Bedürfnisse – auch wenn mir ziemlich schnell klar geworden ist, dass ich noch sehr, sehr viel Handlungsbedarf habe – ich weiß zumindest theoretisch, was ich brauche und will. Ich habe die Vorstellung, dass all das Wissen über Hochsensibilität, Trauma und Bindung mir helfen könnte, eine Beziehung mit mehr Wahrhaftigkeit zu führen, dass die Beziehung an sich sich anders anfühlen könnte. Ob das so sein wird, weiß ich natürlich nicht.

Das kann ich nur herausfinden, wenn ich mich einlasse.

Eins habe ich aber schon herausgefunden: nämlich, dass, wenn ich mich einlasse, ein Teil der alten Wunde heilen kann. Und dass diese Wunden vor allem im Miteinander heilen …

Darum bin ich bereit für das Abenteuer Liebe …

Welche Beziehungserfahrungen haben Sie gemacht? Konnten Sie bewusst etwas verändern? Bleiben Sie lieber allein? Wie immer freue ich mich, wenn Sie Ihre Erfahrungen mit uns teilen.

Von Herzen, Ihre

Monika Richrath

Image by fancycrave1 from Pixabay  

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2 Kommentare

  1. Viktoria von und zu

    Liebe Fr. Richrath,

    vielen Dank für Ihren Artikel, auf den ich per Zufall gestossen bin. Ich könnte eine ähnliche Geschichte berichten. Eine Mutter, schon alleine mit sich selbst überfordert, viele sehr schwierige Verhaltensweisen, ein cholerischer Vater und dann vier Kinder in sehr kurzen Zeitabständen. Ich war wohl eins, das hochsensibel reagierte und deshalb gut als dauerhafter Mülleimer für ihren seelischen Ballast und ihren Frust gleichermassen dienen konnte. Mobbing, Abwertung, Bloßstellen, …war an der Tagesordnung, es gab keinen sicheren Raum und jeder Tag war ein Überlebenskampf, dreißig Jahre lang, bis zu einem Burn-out, Klinik und Therapie. Endlich aufatmen und endlich hatte ich mal richtig Zeit und Raum für mich.

    Mir geht es mittlerweile den Umständen entsprechend gut, zwischenmenschliche Beziehungen werden wohl immer eine Herausforderung bleiben. Auch mir hat das EFT Klopfen sehr viel schon weitergeholfen und ich habe tatsächlich auch schon darüber gelesen wie frühkindliche Traumata und wenig Filtermöglichkeiten zusammenhängen. Die Sinne sind wohl so stark auf eine hohe Wahrnehmungsfähigkeit (Fight or Flight) eingestellt, dass dies irreversible Auswirkungen haben kann.

    Ich habe gerade meine größte Herausforderung mit Musiklehrern. Die Musik ist ein großer Schatz in meinem Leben und ich liebe mein Klavier. Um weiterzukommen bräuchte man Unterricht, aber leider finde ich kaum einen Lehrer, der mit mir umgehen kann. Die ersten Klavierlehrer habe ich lieber in Gespräche verwickelt damit ich die Scham nicht spüren muss, wenn ich etwas nicht kann (Anstrengungsverweigerung)…das habe ich mittlerweile ganz gut im Griff. Dennoch, man sitzt so nahe am Klavier und ich bin so sensibel, dass ich jede Schwingung wahrnehme. Zudem, wenn ich etwas lernen möchte, muss ich einfach „aufmachen“ und dann prallen die Gefühle des anderen gefühlt oft ungefiltert auf mein Innerstes was mich innerhalb von Minuten ganz müde macht. Manchmal „kippt“ auch etwas in mir um und ich bin fast dissoziiert. Wenn es für mich anstrengend wird, dann senke ich die Augen und fokussiere mich auf mich selbst. Meist hat dies leider zur Folge, dass die andere Person noch mehr auf mich einredet. Es ist ein Teufelskreis, der mich gerade sehr beschäftigt. Ich glaube nicht mehr wirklich daran, dass sich das Trauma soweit auflösen lässt, dass ich das ohne Probleme einfach aushalten kann. Wahrscheinlich müsste es ein sehr sensibler und achtsamer Klavierlehrer/in sein, damit an dieser Stelle Heilung geschehen kann….

    Soviel dazu meine Gedanken.
    Herzlicher Gruß

    Antworten
    • Monika Richrath

      Vielen Dank für das Teilen deiner Geschichte! Ja, das klingt ziemlich schwierig und nach besonderen Erfordernissen. Ich wünsche dir, dass es dir gelingt, dies eines Tages aufzulösen. Herzliche Grüße, Monika

      Antworten

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