Katastrophale Pflege

Von Monika Richrath

„Nach dem dritten Burnout und div. Autoimmunkrankheiten (chronische Herpesinfektion, Fibromayalgie, Hashimoto, Nebennierenschwäche, HPU) ist mir endlich klar geworden, dass ich nicht funktionieren kann in den üblichen Strukturen der Arbeitswelt und ich habe den Mut gefunden, mich selbständig zu machen. Seit 2011 arbeite ich als Coach und Trainerin für Klopfakupressur und bin die Autorin dieses Blogs.“

8. Mai 2016

Pflege ist ein Thema, das mir schon lange unter den Nägeln brennt, ich halte es für ziemlich bedeutsam für hochsensible

Menschen. Am frappierendsten fand ich:

Die Welt der Pflege ist eine Parallelwelt

Früher starben Menschen an den unterschiedlichsten Ursachen. Manchmal legten sie sich einfach hin und wachten nicht mehr auf. Heute werden Menschen älter, irgendwann häufig in irgendeiner Form krank (häufigste Todesursachen: Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs). Oft dauert es  Jahre, bis sie  sterben. Aber in der Zwischenzeit müssen sie leben, gepflegt und versorgt werden und dann ist erst einmal guter Rat teuer.

In der Regel (wenn man nicht gerade elternlos oder in anderen Umständen aufgewachsen ist) hat man zu diesem Zeitpunkt ein eigenes, ausgefülltes Leben, sich innerlich mehr oder weniger von den Eltern distanziert, emanzipiert oder eine andere Art von Befreiungsarbeit geleistet und dann kommt plötzlich alles zurück. Bei der Recherche, welche Möglichkeiten es zur Versorgung unserer Mutter gab, stellte ich fest, dass von Seiten des Staates erwartet wird, dass man sich um seine Eltern kümmern soll. Nichts, absolut nichts, hatte mich darauf vorbereitet. Es war auch gar keine Frage, ob ich und meine Geschwester unsere Mutter unterstützen wollten. Natürlich haben wir das gerne gemacht, es war wie ein letzter Liebesdienst und eine Gelegenheit, unserer Mutter, die uns fünf Kinder alleine großgezogen hat, etwas zurückzugeben.

Das Leben verändert sich

Man betritt ein Universum, das äußerst reglementiert und begrenzt ist, begrenzt an Zeit, begrenzt an Geld. Interessanterweise werden Sie, wenn Sie in eine solche Situation geraten, sehr schnell feststellen, dass man zwar von Ihnen erwartet, sich um Ihre Eltern zu kümmern, dieser Einsatz aber in keiner Weise honoriert wird. Wenn eine Pflegeleistung von einem Familienangehörigen erbracht wird, gibt es dafür nur die Hälfte des Geldes, das eine Pflegeorganisation bekommen würde. Der Beitrag zur Entlastung durch andere Personen ist geradezu lächerlich (aktuell 104,- EUR im Monat, das bedeutet für Sie mal gerade ca. 4 Stunden, die Sie sich nicht kümmern müssen). Der Staat zieht sich auf diesem Wege eine neue Burnout-Generation heran, die noch dazu unter einer Art Pflege-Armut leidet …

Einschätzungen und Gutachten anderer Menschen werden wichtig. Rezepte müssen von Ärzten abgeholt werden (manchmal nur gegen Vorlage einer Vollmacht). Hilfsmittel werden erforderlich und damit ein nicht endendes Tauziehen mit den Krankenkassen um die Bewilligung derselben. Neue Ärzte müssen ausfindig gemacht und die Kranken zum Arzt begleitet werden. Kleine Alltagserledigungen können sich zu großen Problemen ausweiten. Was ist, wenn die Kranken in ihrer Mobilität eingeschränkt sind und sich nicht mehr selbst waschen oder nicht mehr kochen können? Gerade die Nahrungsmittelversorgung für Pflegebedürftige ist eine absolute Katastrophe. Es erwies sich in unserem Fall als absolut unmöglich, gutes, laktosefreies, püriertes Essen zu bekommen. Meine  Mutter versuchte es durchaus mit verschiedenen Lieferdiensten, das Essen war immer labbrig, schmeckte nach Kantine und es musste jemand kommen, der das Essen zerkleinerte. Wir haben dann schließlich selbst gekocht - aber es musste immer noch jemand kommen, der das Essen warm machte …

Sie selbst verändern sich

Obwohl die Grundversorgung meiner Mutter von medizinischen Dienstleistern übernommen wurde, blieben noch genug Aufgaben für mich und meine Geschwister übrig. JedeR übernahm etwas anderes. Nun erwies es sich als vorteilhaft, dass wir so viele sind. Nichtsdestotrotz bemerkte ich schon nach relativ kurzer Zeit, dass die Welt sich zusammenzurrte, ich mich ganz automatisch auf meine Mutter und ihre Bedürfnisse fokussierte. Wie früher eigentlich, als ich noch nichts von meiner Hochsensibilität wusste und mich IMMER zuerst um andere kümmerte und dann erst um mich. Vor mir selbst hatte ich es so rechtfertigt, dass ich mich nicht wohlfühlen kann, wenn andere sich nicht wohlfühlen. Puhhh …

Zwar waren nun die Grundvoraussetzungen andere, aber irgendwie war es doch gleich. Selbst, wenn ich mich um mich selbst und meine Belange kümmern wollte, hatte ich oft einfach nicht mehr die Energie dazu. In den zwei Jahren, in denen wir meine Mutter bei ihrer ALS begleitet haben, stand ich oft mit mehr als einem Bein in einem weiteren Burnout.

Am schwierigsten war es, wenn ich versuchte, mich selbst und meine Bedürfnisse durchzusetzen (Mit zunehmender Überforderung habe ich natürlich versucht, mich mehr an meinen eigenen Bedürfnissen auszurichten, weil mir ganz klar war, dass es dringend erforderlich ist). Allerdings lief ich damit häufig gegen Mauern. Mein Bedürfnis wurde zwar anerkannt, aber trotzdem nicht erfüllt. Und jedesmal, wenn das passierte, wurde ich ein bisschen depressiv. So als hätte ich kein Recht auf eigene Bedürfnisse.

Hochsensibles Pflegepersonal

Ich habe keine Statistiken zur Untermauerung vorzuweisen, aber ich bin davon überzeugt, dass gerade im Pflegebereich sehr viele hochsensible Menschen zu finden sind, einfach wegen ihrem Idealismus, ihrem unverbrüchlichen Interesse an anderen Menschen, an ihrer Lust, andere zu unterstützen. Ich finde, es ist eine Schande, dass ausgerechnet diese Menschen so wenig Unterstützung erfahren und regelrecht verbraten werden in einem völlig unzulänglichen Pflegesystem, das weder den Pflegebedürftigen, noch dem Pflegepersonal gerecht wird. Menschlichkeit und Herzlichkeit bleiben auf der Strecke.  Von einer guten finanziellen Entlohnung kann man wohl auch nicht sprechen, denn insgesamt wollen immer weniger Menschen andere pflegen, was zu einer kontinuierlichen Verschlechterung der Lage führt.

Gelegentlich gebe ich Klopfakupressur-Workshops zu wohltätigen Zwecken und der bislang schwierigste Workshop, den ich je gegeben habe, war mit Pflegepersonal einer Behinderten-WG. Die Verzweifelung der Teilnehmer hat mich noch Wochen verfolgt …

Im Netz habe ich einen kurzen Clip gefunden, in dem diese Zustände ganz anschaulich beschrieben werden.

Es war mir ein bisschen komisch, über ein so schweres Thema an einem so schönen, sonnigen Tag zu schreiben, aber, nun ja, es ist Muttertag, und ich denke an meine Mutter …

Wie ist es mit Ihnen? Ist Pflege ein Thema für Sie? Haben Sie Vorschläge, Empfehlungen, Lösungen?

Herzlichst, Ihre
Monika Richrath

Pflege am Boden

Ein kuzer, aber sehr aussagekräftiger Ver.di Clip über die Zustände in der Pflege

Besser umgehen mit Hochsensibilität.

In meinem kostenlosen E-Mail Kurs lernen Sie, wie Sie besser mit Stress, Überforderung und Erschöpfung aus der Hochsensibilität umgehen können.

Ihre E-Mail-Adresse wird bei meinem E-Mail-Provider Active Campaign gespeichert. Sie können sich jederzeit problemlos aus dieser Liste austragen. Ihre Daten werden nicht an Dritte weitergegeben.

Monika Richrath

Monika Richrath

Richrath EFT Lösung

Nach dem dritten Burnout und drei Autoimmunkrankheiten (Fibromayalgie, Hashimoto, Nebennierenschwäche) ist mir endlich klar geworden, dass ich nicht funktionieren kann in den üblichen Strukturen der Arbeitswelt und ich habe den Mut gefunden, mich selbständig zu machen. Seit 2011 arbeite ich als EFT-Coach und Trainerin und bin die Autorin dieses Blogs.

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Die hier angewandte EFT* basierte Klopfakupressur orientiert sich weder an dem „Official EFT“/Optimal EFT“ von Gary Craig noch gibt sie dessen Inhalte wieder, sondern meine persönliche Sicht und Erfahrungen sowie das Verständnis von und mit der Arbeit mit der Klopfakupressur.

*EFT = Emotional Freedom Techniques, Begründer Gary Craig

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8 Kommentare

  1. Lydia Wilmsen

    Hi Monika,

    danke für deinen Artikel! Ein wichtiges Thema. Gerade aus der Perspektive von hochsensiblen Menschen. Abgrenzung ein wichtiger Stichpunkt.
    Veränderung muss aus verschiedenen Richtungen kommen. Zum einen natürlich von politischer Seite. Aber auch der Umgang mit unserem eigenen Körper. Bei zunehmenden Umweltgiften, Stress, industrieller Nahrung, zunehmender Vereinsamung von Menschen, kann jeder von uns schauen, wie wir mit unserer Gesundheit bestmöglich umgehen. Also ist auch viel Eigenverantwortung gefragt.
    Reflexion über Altern, das Sterben und den Tod ist in unserer Schönheitswahn-Gesellschaft auch super wichtig.

    Lösungen hab ich ansonst keine 🙁 Bis auf das oben Angesprochene.
    Danke, dass du dich mit dem Thema auseinandersetzt und es auch uns in Erinnerung bringst! Lydia

    Antworten
    • Monika Richrath

      Vielen Dank für deinen Kommentar, Lydia. Du hast natürlich recht – mit allem. Erst wenn man mal mit Stern und Tod in Berührung kommt, merkt man WIE wenig Platz diese Themen in der Gesellschaft haben … und wo Nischen sind. Ich war heute auf einem Gedenkgottesdienst, lauter Menschen, die ich nicht kannte. Aber alle hatten jemanden verloren, ich habe mich so aufgehoben gefühlt und getröstet …

      Liebe Grüße, Monika

      Antworten
  2. Doro

    Sehr traurig ist, wenn hochsensible Menschen dann aus diesem Beruf flüchten, weil sich nichts zum besseren ändert, oder weil sie das mit der Abgrenzung nicht lernen können.
    Gerade den Idealismus, die Empathie und die Menschlichkeit ist in der Pflege (oder anderen sozialen Berufen) so gut aufgehoben. Und so ein Pflegepersonal zu haben, ist doch vor allem für Menschen, die sich am Ende ihres Lebens befinden, nur fair.

    Ich möchte damit nicht sagen, dass nicht hochsensible Menschen keine guten Pflegekräfte sind! Nicht, dass hier ein falscher Eindruck entsteht. Nur diese Menschen haben wahrscheinlich nicht ganz so viele Probleme mit der Abgrenzung (kann ich mir vorstellen).

    Viele Grüße
    Doro

    Antworten
    • Monika Richrath

      Vielen Dank für Deinen Kommentar Doro! Sehr richtig. Allerdings habe ich mittlerweile gelernt, dass es nicht nur eine Sache der Abgrenzung ist, manche Arbeitssituationen in der Pflege sind einfach vollkommen untragbar, auch für Nicht-HSP …alle seufzen, schütteln die Köpfe, wissen um die Situation, aber es wird nichts getan, um die Situation zu verbessern …

      Herzliche Grüße, Monika

      Antworten
  3. Margret

    Der Lauf des Lebens. Irgendwann ist jeder von uns in der Situation (es sei denn er ist elternlos aufgewachsen) sich mit dem Alter, Krankheit und dem Tod der Eltern zu beschäftigen. Tragisch schmerzvoll gehen wir den Weg. Nicht alleine das die komplette Gefühlswelt auf dem Kopf steht, sondern der Kümmermodus raubt uns unsere Kräfte. Wir drängen uns in die Rolle, moralisch sind wir verpflichtet. Neben der Organisation unseres eigenen Lebens sind wir gefragt einen weiteren Haushalt zu organisieren. Hier warten zusätzlich schwere Hürden auf uns. Irgendwie, so knapp am Zuusammenbruch vorbei, schaffen wir Angehörige dies. Im Hinterkopf haben wir die Endlichkeit des Lebens und die schwindende Zeit mit den Eltern. Ein Motor der uns stets neu antreibt.
    Nach dem Verlust kommt die Leere.
    Wir können uns nicht aus dieser Lebenssituation befreien. Wir brauchen Schultern zum anlehnen, Hände die halten und Ohren die zuhören, Menschen die uns in dieser Zeit zur Seite stehen. Anders überstehen wir das nicht.
    Menschen die hochsensibel sind und sich der Pflege und Begleitung verschrieben haben sind ein Segen für uns. So viel Mitgefühl und Beistand, soviel Zwischenmenschliches sind nur sie fähig zu transportieren.
    Menschen die hochsensibel sind zerbrechen in diesem Berufen. Menschen die hochsensibel sind und in diesen Berufen arbeiten, haben sich selbst abgegeben. Menschen die hochsensibel sind und in diesen Berufen arbeiten müssen einen starken Glauben haben.

    Antworten
    • Monika Richrath

      Vielen Dank, Margret. Auf jeden Fall eine extrem schwierige Situation :-/ Herzliche Grüße, Monika

      Antworten
  4. Vanessa

    Vielen Dank für diesen tollen Beitrag! Ich mache zurzeit eine Ausbildung zur Altenpflegerin und bin hochsensibel. Es ist kräftezerrend und dann noch diese Arbeitsbedingungen. Zudem sind meist alle im Team sehr gestresst. Es ist so traurig, dieser Beruf könnte so schön sein! Ich bin froh wenn die Ausbildung zu Ende ist und ich werde definitiv nicht als Vollzeit Fachkraft arbeiten.
    Das Traurigste finde ich das man getrimmt wird schnell zu arbeiten. Ich nehme mir trotzdem Zeit und stecke die blöden Sprüche weg. Mir geht es um den Menschen und um den Moment.
    Leider kann ich nicht mehr, im zweiten Jahr war ich so gestresst das ich auf einem Auge nur noch verschwommen sah. Beim Chef kommen „Schwächeanzeichen“ gar nicht gut an. Wurde von ihm gemobbt und unter Druck gesetzt.

    Ich bete das sich etwas ändert. Denn es gibt so viele gute Menschen die diesen Beruf von ganzem Herzen ausüben, aber einfach ausgebeutet werden.

    Mein Lehrer meinte aber auch das die Menschen in der Pflege zu nett und zu gutmütig sind, um sich zu wehren. Auf ihre Rechte zu bestehen. Für bessere Bedingungen zu kämpfen. Ich sage ich würde es gerne, aber dazu muss ich erstmal aus diesem Job raus um die Energie dafür aufzubringen.

    Antworten
    • Monika Richrath

      Hallo Vanessa, du hast recht, das ist mehr als traurig. Ich wünsche dir viel Glück 🙂 Liebe Grüße, Monika

      Antworten

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