Was bei Trauma im Gehirn passiert

Ein Trauma kann Hochsensibilität auslösen

Von Monika Richrath

„Nach dem dritten Burnout und div.  sog. „Autoimmunkrankheiten“ (chronische Herpesinfektion, Fibromayalgie, Hashimoto, Nebennierenschwäche, HPU) ist mir endlich klar geworden, dass ich nicht funktionieren kann in den üblichen Strukturen der Arbeitswelt und ich habe den Mut gefunden, mich selbständig zu machen. Seit 2011 arbeite ich als Coach und Trainerin für Klopfakupressur und bin die Autorin dieses Blogs.“

18. September 2020

Wenn Sie merken, dass Sie beim Lesen dieses Artikels in Stress geraten, klopfen Sie doch einfach beim Lesen Ihre Handkante, wie auf dem Foto gezeigt.

Sie wollen mehr wissen über das Klopfen und seine Wirkung? Möchten Sie Stress, Erschöpfung und Schwierigkeiten mit der Hochsensibilität bzw. Hochsensitivität auflösen? Lernen Sie kostenlos die Basics der Klopfakupressur.

In den vergangenen Monaten habe ich mich sehr intensiv mit dem Wesen von Trauma beschäftigt. Und natürlich auch mit der Frage, ob es einen Zusammenhang geben könnte zwischen Hochsensibilität und Trauma.

Zunächst einmal habe ich herausgefunden, dass Trauma nicht ein Ereignis bezeichnet, wie dies durchaus üblich ist im Sprachgebrauch, sondern eher

ein inneres Erleben, bzw. einen inneren Zustand

– zunächst in Bezug auf ein Ereignis, welches aber im weiteren Verlauf nicht auf ein Ereignis beschränkt bleiben muss, sondern sich auch auf andere Ereignisse erstrecken kann, die die Erinnerung an das Ursprungsereignis wecken. Man nennt das „Triggern“. Es passiert häufig vollkommen unbewusst, z. B. auf einer Ebene der körperlichen Wahrnehmung, auf die wir bewusst keinen Zugriff haben. Sie kennen das sicherlich selbst, dass einen bestimmte Gerüche im Nullkommanix in die Kindheit zurückversetzen. Mir selbst geht es immer ganz intensiv so, wenn ich bestimmte Oldies im Radio höre, dann bin ich sofort wieder in der Zeit, als dieses Stück rausgekommen ist, meistens in der Pubertät (das war die Zeit, wo ich Musik am intensivsten angehört habe). Und – ich bin dann meistens auch sofort in einer entsprechenden Grundstimmung, die diese Zeit geprägt hat. Sehr melancholisch.

Kürzlich habe ich in dem Beitrag schwarze Erinnerungen (bei dem es um die sog. Kinderverschickung geht), erzählt, dass ich immer noch anfange zu würgen, wenn ich heiße Milch rieche, obwohl die dazugehörigen Ereignisse mehr als 50 Jahre zurück liegen. Ich habe mich in letzter Zeit auch gefragt, ob ich mich mit kalten Duschen so wahnsinnig schwer tue, weil es in jenem Heim Praxis war, die Kinder einmal täglich mit kaltem Wasser abzuspritzen …? Ich werde es vermutlich nie herausfinden, aber möglich wäre es schon.

Letzten Endes war es tatsächlich meine intensivere Beschäftigung mit dem Thema Kinderverschickung, die bei mir sehr viel in Sachen Trauma in Bewegung gesetzt hat. Plötzlich begann ich mich, ganz blöd zu fühlen, ohne zu wissen, was wirklich los war. Nachdem mir jemand erzählt hat, was sie noch aus dem Heim wusste, sind auch ein paar Erinnerungen zurückgekehrt. Die blöden Gefühle haben sich intensiviert. Und ich wusste irgendwann, dass ich jetzt auch nicht mehr zurück kann. Die Katze war aus dem Sack und es war mir klar, dass ich in recht absehbarer Zeit mich um eine professionelle Traumatherapie  in regelmäßigem Rahmen bemühen muss, auch wenn ich eigentlich immer noch dachte, ja, demnächst mache ich das.

Aber das Jahr hat sich dann so krass gestaltet, dass ich irgendwann gezwungen war, etwas zu unternehmen und mir professionelle Hilfe zu suchen. Was dazu führt, dass ich jetzt in der Lage bin, Ihnen allerhand zum Thema Trauma zu erzählen, denn ich habe mich recht intensiv mit Bessel van der Kolk und Peter Levine beschäftigt, während ich gleichzeitig in der Lage bin, selbst von ihren Forschungen zu profitieren. Peter Levine hat eine Methode namens Somatic Experiencing entwickelt, bei der es darum geht, wieder in Verbindung zu kommen mit seinen körperlichen Empfindungen. Denn:

der Körper vergisst nichts

und speichert das Erlebte im sog. Körpergedächtnis ab.

Leider nicht in wohlsortierte und beschriftete Schubladen. Vielmehr ist es so, dass viele Empfindungen und Erinnerungen unseres Körpergedächtnisses chaotisch und unbenennbar erscheinen.

Dies mag daran liegen, dass sich in einem traumatischen Zustand das sog. Broca-Areal abschaltet. Das Broca-Areal ist eines der Sprachzentren des Gehirns und wenn es nicht richtig funktioniert, fällt es uns schwer, unsere Gefühle und Gedanken zu beschreiben, nicht nur anderen gegenüber, sondern auch uns selbst.

Im Gegenzug dazu wird ein anderer Bereich im Gehirn aktiviert, das sog. Brodman-Areal 19, ein Bereich im visuellen Kortex, der Bilder registriert, sobald sie im Gehirn eintreffen.

Dies hat der Wissenschaftler Bessel van der Kolk gemeinsam mit Kolleg*innen herausgefunden, als er die Reaktion von Probanden auf Flashbacks mit bildgebenden Verfahren untersuchte.

Das ist aber noch nicht alles.

Vielleicht werden aus misshandelten Kindern hochsensible KinderWir verlieren ebenfalls das Gefühl für die Zeit und den Ort.

Außerdem übernimmt ab einem bestimmten Zeitpunkt das emotionale Gehirn die Führung, das weder vom Bewusstsein gesteuert wird, noch verbal kommuniziert. Bei einer starken Erregung stehen Gehirnbereiche, die bei einer Integration/Verarbeitung des Erlebten helfen sollen, nicht mehr zur Verfügung. Das Erlebte wird dann nur noch bruckstückhaft abgespeichert, in Form scheinbar zusammenhangloser Bilder, Geräusche, Empfindungen, Gefühle und Sinneswahrnehmungen.

Und es ist genau dieses Zusammenhanglose unserer verschiedenen Empfindungen, die Trauma so schwierig und quälend macht. Auf der einen Seite können wir sehr stark getriggert werden durch eben jene Sinneswahrnehmungen – was nichts anderes bedeutet, als dass wir von einer Sekunde zur nächsten in einem Superstresszustand sind, ohne zu wissen, wie wir dort hingekommen sind oder warum und wie wir wieder herauskommen können.

Auf der anderen Seite fällt es uns schwer, mit anderen darüber zu reden, weil uns die Worte dafür fehlen, weil diese Empfindungen und Emotionen in Sekundenbruchteilen auftauchen und trotzdem kaum greifbar sind. Falls die Erfahrungen, die wir gemacht haben, in einem Alter stattfanden, in dem wir sowieso noch keine Worte hatten, wird es noch schwieriger.

Unsere Erlebnisse bleiben auf jeden Fall in uns lebendig.

Über die Jahre verlieren sie nichts an Intensität (jedenfalls nicht, wenn wir uns nicht aktiv im Rahmen einer Traumatherapie damit auseinandersetzen). Denn um ein Erlebnis in die eigene Geschichte und auch in das eigene Körperempfinden integrieren zu können, brauchen wir Kohärenz, einen Zusammenhang, der bei der Integration und Verarbeitung des Erlebten hilft.

Ein anderer, ebenfalls sehr wichtiger Aspekt bei der Entstehung eines Traumas ist, ob Menschen in der Lage sind, sich in der jeweiligen Situation zu bewegen, aktiv zu werden um sich selbst zu schützen. Werden sie daran gehindert und erleben sich selbst als hilflos, allein und ausgeliefert, in der Falle, kann es zu einer Erstarrung kommen.

Peter Levine unterscheidet sogar in der Intensität der Erstarrung, je nachdem ob die Muskeln sich versteifen oder kollabieren und schlaff werden, wie es der Fall ist, wenn man glaubt, dass man sterben wird.

Das Sich-tot-stellen

hat bei Säugetieren eigentlich wichtige Überlebensfunktionen, z. B. einen betäubten Bewusstseinszustand hervorzurufen, in dem schmerzstillende körpereigene Endorphine ausgeschüttet werden. Häufig findet in diesem Betäubungszustand auch eine Dissoziation statt, in der die Person die eigenen Erlebnisse so erlebt, als stößen sie einer anderen Person zu. So kann das eigentlich Unerträgliche erträglich gemacht werden.

Wenn wir in eine belastende Situation geraten, stehen uns normalerweise drei verschiedene Verhaltensweisen zur Verfügung: Angriff, Flucht oder Erstarren. In jedem Fall aber werden in der Situation Stresshormone ausgeschüttet. Diese Stresshormone bleiben so lange aktiv, bis die Situation integriert und aufgelöst werden kann. Ist das nicht der Fall, kommt es entweder zu

Flashbacks (sensorischen Erinnerungsmomenten) oder Reinszenierungen,

die beide jeweils wieder neue Stresshormone freisetzen. Dies führt dazu, dass es bei traumatisierten Menschen einerseits sehr lange dauert, bis Stresshormone abgebaut werden und der Körper in einen Normalzustand kommen kann. Andererseits steigt der Stresspegel auch bei relativ geringen Anlässen sehr schnell wieder sehr hoch an.

Trauma verändert also unser Gehirn und unseren Körper

Aber das ist noch längst nicht alles. Durch ein Trauma verlieren wir häufig auch die Verbindung zu uns selbst, die vor allem durch den Körper stattfindet. Wir verlernen, auf unseren Körper zu hören, der uns Signale sendet über unsere Empfindungen, die wir möglicherweise aber nicht haben wollen. Genauso wenig wie die damit verbundenen Gefühle wie z. B. Scham. Da fällt mir natürlich ein, dass superviele hochsensible/hochsensitive Menschen einfach hauptsächlich im Kopf sind und kaum im Körper. Es ist viel einfacher sich taub zu stellen und sich letzten Endes vor sich selbst zu verstecken. Aber es gibt einen Pferdefuß dabei:  Wenn wir versuchen, die hässlichen Empfindungen auszuschalten, schalten wir automatisch auch die schönen Empfindungen mit aus.

Dieses Verhalten ist mehr als verständlich, natürlich, aber macht eigentlich überhaupt keinen Sinn. Abgesehen davon, dass wir uns von Lebensfreude abschneiden, verlernen wir die Fähigkeit zu unterscheiden, wann wir sicher sind und wann nicht. Außerdem entwickeln manche Menschen überhaupt Angst vor irgendwelchen Formen körperlicher Empfindungen.

Es erscheint auch logisch, dass bestimmte körperliche Symptome bei traumatisierten Menschen besonders häufig vorkommen, wie Hals- und Nackenschmerzen, Fibromyalgie, Verdauungsstörungen, Reizdarm, Asthma und chronische Erschöpfung. Und letzten Endes kann ein chronisches Trauma zu einer

Posttraumatischen Belastungsstörung

führen. Der Thalamus im Gehirn arbeitet dann nicht mehr richtig. Der Thalamus wird während des traumatischen Ereignisses und auch während Flashbacks einfach abgeschaltet. Was bedeutet, dass er dann vielleicht nicht mehr in der Lage ist, wichtige Sinneseindrücke von unwichtigen Sinneseindrücken zu unterscheiden, was wiederum bedeutet, dass wir uns

ständig im Zustand sensorischer Überlastung

befinden.

Spätestens hier werden Sie sicherlich aufmerken. Denn da sind wir wieder bei den Symptomen, die Hochsensibilität u. a. ausmachen. Und auch bei der Gefahr chronischer Erschöpfung, die sich einfach aus der sensorischen Überlastung ergibt.

Die große Frage, die sich nun stellt, ist:

Was können Sie tun?

Vorweg: Eine Traumabehandlung gehört ausschließlich in professionelle Hände. Bitte unternehmen Sie keinesfalls den Versuch, Ihr Trauma selbst zu beklopfen. Das kann sehr böse ins Auge gehen – vor allen Dingen, wenn Sie nicht wissen, womit Sie es zu tun haben. Menschen, die das Klopfen noch nicht kennen, neigen oft dazu, die Intensität und Kraft der Klopfakupressur massiv zu unterschätzen.

Klopfen können Sie trotzdem. So oder so führt der Weg aus dem Trauma hinaus über den Körper. Tendenziell geht es u. a. darum, die Verbindung zu sich selbst wieder herzustellen, lernen, dem eigenen Körper und seinen Empfindungen Vertrauen zu schenken. Es geht auch darum, das chronisch erhöhte Stresslevel zu senken. Auch das können Sie mit regelmäßigem Klopfen erreichen. Oder Ängste reduzieren und das Gefühl für Sicherheit steigern. Das ist alles mit Klopfen möglich. Sie arbeiten dann sozusagen an einzelnen Auswirkungen. Aber fangen Sie bitte ganz klein an. Und wenn Sie zu denen gehören, die eigentlich Angst davor haben, was in ihrem Körper vor sich geht, klopfen Sie am besten eine ganze Zeitlang leer.

Das war sicher nicht das letzte Mal, dass ich mich mit diesem Thema beschäftigt habe. Dazu gibt es noch so viel zu sagen, gerade im Zusammenhang mit Hochsensibilität.

Jetzt interessiert mich natürlich, wie es Ihnen mit diesen Informationen  geht. Vielleicht möchten Sie auch noch etwas ergänzen, von eigenen Erfahrungen erzählen? Wie immer freue ich mich, wenn Sie Ihre Kommentare mit uns teilen.

Monika Richrath

Image by Gerd Altmann from Pixabay

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2 Kommentare

  1. Petra Heuring

    Liebe Frau Richrath,
    die beschriebenen Symptome stimmen absolut mit meinen Erlebnissen und Empfindungen überein. Anfangs wusste ich leider nicht, dass es sich um ein Trauma handelt, das ich bearbeiten darf. Das ist mir erst in der Endphase des Heilungsprozesses klar geworden.
    Zunächst habe ich mit der Homöopatie begonnen und Asthma, Fibromyalgie und Reizblase bearbeitet.
    Aus heutiger und ganzheitlicher Sicht muss ich für mich feststellen, dass ein Trauma aus der frühen Kindheit zu diesen Störungen führte (Vieles was zählt ist nicht zählbar /Albert Einstein). Ich habe mit sehr vielen Methoden und Werkzeugen gearbeitet, um der Beschwerden Herr zu werden. Und immer wieder taten sich neue Abgründe auf! Ich habe es völlig ohne professionelle Hilfe in einem Zeitraum von ca. 15 Jahren geschafft. EFT gehörte zwar auch dazu; musste es allerdings sparsam dosieren.
    Die beschriebenen Episoden in Ihrem Bericht kann ich voll umfänglich bestätigen.
    Ich sehe einen Zusammenhang zwischen Hochsensibilität und Trauma.

    Antworten
    • Monika Richrath

      Vielen Dank, liebe Frau Heuring, ich freue mich sehr, dass Sie den Mut haben, etwas von sich zu erzählen! Ich denke, es geht sehr vielen Traumatisierten so, dass sie sich erst einmal gar nicht bewusst sind, was das mit ihnen anstellt (War mir ja auch nicht). Und ja, es dauert – aber es lohnt sich wirklich. Herzliche Grüße, Monika Richrath

      Antworten

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