Was heißt hier „normal“?

Eine Frau mit orangenen Haaren und grüner Haut in einer Menschenmenge

Von Monika Richrath

„Nach dem dritten Burnout und div.  sog. „Autoimmunkrankheiten“ (chronische Herpesinfektion, Fibromayalgie, Hashimoto, Nebennierenschwäche, HPU) ist mir endlich klar geworden, dass ich nicht funktionieren kann in den üblichen Strukturen der Arbeitswelt und ich habe den Mut gefunden, mich selbständig zu machen. Seit 2011 arbeite ich als Coach und Trainerin für Klopfakupressur und bin die Autorin dieses Blogs.“

29. Juni 2014

Wenn Sie merken, dass Sie beim Lesen dieses Artikels in Stress geraten, klopfen Sie doch einfach beim Lesen Ihre Handkante, wie auf dem Foto gezeigt.

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Kürzlich fiel mir ein, dass es wirklich mal wieder an der Zeit wäre, einen gründlichen Ärztecheck zu machen, aber noch während ich diesen Einfall hatte, zuckte ich innerlich zurück, als hätte ich mich verbrannt. Ein Ärztecheck, das bedeutet erst einmal stundenlanges Herumsitzen in Wartezimmern, verbunden mit dem etwas zweifelhaften Vergnügen mich gefühlte Ewigkeiten mit den Stars und Sternchen dieser Welt zu beschäftigen.

Das bringt mich unweigerlich in jene Zeit der Vergangenheit zurück, in der ich Wochen meines Lebens damit verbracht habe, eine Antwort auf eine nie wirklich formulierte Frage zu stellen. Immer nur dieses vage Gefühl: Mit mir stimmt doch etwas nicht? Warum komme ich nicht zurecht, so wie die anderen? Warum bin ich dauernd krank? Ich denke, dass ich (obwohl es mir damals kaum bewusst war), eine Antwort wollte, wissen wollte, was eigentlich los ist mit mir. Vermutlich hoffte ich, dass die Ärzte etwas finden würden, was meine Zustände erklären würde. (Das Phänomen der Hochsensibilität war damals so was von unbekannt.) Doch merkwürdigerweise hat nicht ein einziger Arzt sich und mich je gefragt, warum ich dauernd auf der Matte stand und nicht arbeitsfähig war, warum ich einfach nicht in der Lage war zu funktionieren wie andere Menschen.

Einmal schöpfte ich Hoffnung, als mein damaliger Hausarzt zu mir sagte, „Das sind typische Vergiftungssymptome“, das machte Sinn, ich hatte mich gerade beim Renovieren mit alten Tapeten u.ä. beschäftigt. Damit konnte ich etwas anfangen, das fühlte sich richtig an. Diese weise Einsicht hielt meinen Arzt aber nicht davon ab, mich beim nächsten Besuch ein paar Wochen später wie eine Hypochonderin zu behandeln.

Die Frage, ob ich eigentlich normal bin, hat mich von daher schon mein ganzes Erwachsenenleben begleitet. Ich fühlte mich ja immer irgendwie anders. Nachdem ich begonnen hatte, mich intensiver mit mir selbst auseinander zu setzen, habe ich mir, wann immer mir diese Frage in den Sinn kam, mich selbst getröstet mit der aufmüpfigen Antwort: „Was heißt denn normal, was ist denn schon normal?“, immer in dem Glauben, dass es tatsächlich eine Norm gibt, wie man sein könnte. So etwas, wie einem in den ach-so-fröhlichen-Familien aus dem Werbefernsehen vorgegaukelt wird. Vielleicht war die Norm auch einfach alles, was ich nicht war.

Jetzt weiß ich ja schon seit einiger Zeit, dass ich hochsensibel bin. Als Coach und Trainerin für Klopfakupressur komme ich ganz schön herum, nicht nur im eigentlichen, sondern auch im übertragenen Sinne. Ich lerne nicht nur hochsensible Menschen kennen, sondern auch „andere“. Neulich wurde mir, als ich über den Begriff der „Normalität“ nachsann, klar, dass es normal für mich gar nicht mehr gibt. Es gibt möglicherweise eine (flexible) Grenze, manche Menschen halten sich auf der einen Seite auf, manche auf der anderen, sicher ist nur, wir alle wechseln im Laufe unseres Lebens öfter die Seiten. Wir alle haben absurde Glaubenssätze, die uns antreiben, idiotische Vorstellungen, die uns das Leben schwer machen oder gänzlich irrationale Verhaltensweisen, die für Außenstehende nicht nachzuvollziehen sind. Nur mag es den einen bewusst sein und den anderen nicht. Das heißt noch lange nicht, dass die anderen „normaler“ sind – sie sind auf jeden Fall diejenigen, die tiefer fallen, wenn sie dann doch einmal gezwungen sind, sich eingehender mit sich selbst auseinander zu setzen.

In jedem Fall finde ich es hilfreich, sich bewusst zu machen, dass es uns als besonders empfindsamen Naturen in keiner Weise hilft, sich bei der Lebensgestaltung daran zu orientieren, was uns von den Medien oder der Gesellschaft vorgelebt wird.

Wie ist es mit Ihnen? Haben Sie eine Norm? Wie sieht sie aus? Leben Sie darin oder empfinden Sie sich eher, wie viele andere HSP, als außen stehend?

Ich freue mich, wenn Sie mir schreiben.

Herzlichst, Ihre
Monika Richrath

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3 Kommentare

  1. GERTRUD DIX

    Liebe Monika,

    ich bin „zufällig“ ( wobei es für ich keine Zufälle gibt; der Beitrag ist mir zu….-…gefallen!!!!)
    bei Dir ausgekommen ( ich wollte mich über die Rauhnächte informieren)
    Ich habe mich noch nie wirklich „normal“ empfunden, habe aber fast mein Leben lang versucht normal zu leben, bis ich wegen Überforderung krank wurde und in psychosomatische ambulante u stationäre Behandlung war.
    Ich habe immer schon „das Gras wachsen gehört“ u.v.m.
    Mein Mann sagte zu mir :“du bist total neben der Spur“! Wobei er aus seiner Sicht sichter Rechht hat! Ich fühle mich ja auch selber oft so.
    Ich will mich aber auch nicht mehr in die Spur der Normalen einfügen. Ich merke das mich das krank macht, wenn ich mich leben lasse.
    Danke für Deine Beiträge! Ich werder die anderen Beiträge in Ruhe noch lesen.
    Einen gute Übergang ins Neue Jahr und für 2016 alles erdenklich GGute, bes. Gesundheit
    Gertrud

    Antworten
    • Monika Richrath

      Vielen Dank, liebe Gertrud! Ich wünsche Dir auch einen wunderbaren Start in das Neue Jahr und dass sich möglichst viele deiner Wünsche umsetzen lassen!

      Antworten
  2. Steffi Holzwarth

    dazu fällt mir mir ein, was mein früherer Chef mal sagte :

    „Normal ist das, was die wenigsten Leute sind“ (denn für ihn heisst normal sein nicht : sich an zweifelhaften Normen orientieren, sondern das Menschsein per se : mit wachen Sinnen)

    und :
    „Es ist kein Zeichen von Gesundheit in einer kranken Gesellschaft integriert zu sein “ (Krishnamurti?)

    und:
    keinem würde einfallen auf ein hochsensibles Messgerät einzudreschen und von ihm zu verlangen es solle halt weniger sensibel sein . Nein – es würde vor-sichtig behandelt und wertgeschätzt werden. Leider ist das bei den Menschen anders….

    liebe Grüße an alle nicht-abgstumpften , wachen, sensiblen MItmenschen
    Steffi

    Antworten

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