Was Krankheit uns nutzt

Von Monika Richrath

„Nach dem dritten Burnout und div. Autoimmunkrankheiten (chronische Herpesinfektion, Fibromayalgie, Hashimoto, Nebennierenschwäche, HPU) ist mir endlich klar geworden, dass ich nicht funktionieren kann in den üblichen Strukturen der Arbeitswelt und ich habe den Mut gefunden, mich selbständig zu machen. Seit 2011 arbeite ich als Coach und Trainerin für Klopfakupressur und bin die Autorin dieses Blogs.“

23. Juni 2019

Haben Sie schon einmal den Begriff „Sekundärer Krankheitsgewinn“ gehört? Hinter diesem etwas pompös klingenden Namen steckt ein ganz einfaches Prinzip.

Es geht nämlich darum,

was Krankheit uns nützt.

„Wie? Was? Was soll das denn? Warum soll meine Krankheit einen Nutzen für mich haben?“ mag sich die eine oder der andere jetzt empört fragen und mich zur Spinnerin erklären.

Das ist ein Gedanke, der sehr schwer zu akzeptieren sein kann, vor allen Dingen, wenn man schon schwer erkrankt ist oder eine sehr komplizierte und/oder chronische Erkrankung hat, die sehr leidvoll ist.

Ich kenne das aus eigener Erfahrung. Meine eigene Krankheitsgeschichte erstreckt sich über einen Verlauf von rund 20 Jahren. 

Wie ich heute, dank der medialen Medizin von Anthony William weiß, muss alles

mit dem Pfeifferschen Drüsenfieber begonnen haben,

das ich Mitte der 30er bekam und über eineinhalb Jahre lang nicht mehr loswurde. Dann kam zuerst der Hashimoto, dann, langsam die Fibromyalgie, die sich über die Jahre schleichend verschlimmerte. Drei Trennungen, die mich so aus der Bahn geworfen haben, dass ich mich jahrelang nicht davon erholte. Kein Wunder, dass sich irgendwann eine Nebennierenschwäche dazu gesellte.

In einer psychosomatischen Klinik ließ ich mich zur Einnahme von Psychopharmaka überreden wegen Schlafstörungen. Das half ein bisschen. Gegen die Schlafstörungen. Aber ich nahm davon zu, innerhalb von ein paar Monaten wog ich 20 kg mehr und erkannte mich selbst nicht mehr, wenn ich in den Spiegel sah.

(Was habe ich nicht alles unternommen, um abzunehmen. Nix klappte. Das war der totale Frust. Einmal habe ich mit meiner damaligen Partnerin einen Monat strikt nach Atilla Hildmann gegessen. Sie hat abgenommen. 5 kg. Die Personen im Begleitbuch haben auch abgenommen. Ich nicht. Allenfalls ein halbes Kilo).

Am schlimmsten war die Erschöpfung.

Und die war so allumfassend, dass klar war, ich werde meinen alten Beruf als Fremdsprachenassistentin nicht mehr ausüben können. Viel zu viel Stress.

Ich habe ja schon auf diesem Blog erzählt, dass ich aufgrund meiner vielen Fehlzeiten (30 Tage im Jahr) unglaublich arbeitswillig war, was fast alle meine Arbeitgeber nach Strich und Faden ausgenützt haben, indem sie mich die Arbeit von 2–3 Sekretärinnen erledigen ließen.

Damals wusste ich nichts von meiner Hochsensibilität. Ich wusste nicht, was ich mir antat. später wusste ich nicht, wie ich da rauskommen sollte. Aber mein Körper, mein Geist und meine Seele wussten es.

Irgendwann habe ich mir natürlich die Frage gestellt, warum sich bei mir nichts veränderte, obwohl ich mir so eine Mühe gab?

Ich suchte nach Antworten.

Und fand den „sekundären Krankheitsgewinn“.

Die Idee, dass mein Zustand mir in irgendeiner Form nutzen könnte, war sehr neu für mich. Schließlich wünschte ich mir nichts sehnlicher, als wieder gesund zu werden. Außerdem hängt diesem Begriff für mich so etwas wie „Schuld“ an, wie den eigenen Zustand selbst verursacht zu haben. Dem ist natürlich nicht so. Obwohl es den sekundären Krankheitsgewinn unbestreitbar gibt, wird er doch vom Unbewussten, von

unseren inneren Wächtern, unserer internen Sicherheitspolizei,

gesteuert und ist für Vernunft und klare Logik nicht zugänglich.

Mir fällt ein, dass die vielen Auszeiten, die ich in meinem Arbeitsleben hatte, vielleicht auch ein sekundärer Krankheitsgewinn waren. Früher habe ich nur verstanden, dass ich von Zeit zu Zeit offenbar solche Auszeiten brauche, da mein System einfach überfordert ist. Ein paar Tage Ruhe waren wie ein Reset.

Eine zeitlang habe ich mich durchaus intensiv mit dem sekundären Krankheitsgewinn beschäftigt. Sehr weit bin ich bei mir aber nicht gekommen. Aufmerksamkeit bekam ich dadurch, ja. Das ist sicherlich für viele, viele Menschen ebenso. Aber sonst?

Im Prinzip kann eigentlich alles zu einem sekundären Krankheitsgewinn werden,

habe ich so nach und nach erfahren. Z. B. die Aufrechterhaltung eines gewissen Status Quo. So kann Krankheit dafür sorgen, dass sich nichts verändert, nichts verändern kann und nichts verändern darf. (Das entbehrt nicht einer gewissen Tragik, weil Krankheit ja auch immer einen Zustand anzeigt, der nicht akzeptabel ist.) Irgendwo habe ich z. B. einmal einen Podcast gehört, in dem eine Frau erzählte, dass sie selbst es sich nicht erlaubte gesund zu werden, weil sie sonst ihren Mann hätte verlassen müssen. Eine Krankheit kann also immer auch dafür sorgen, dass wir uns gewissen Dingen nicht stellen (müssen). Auch hier sind sicherlich die inneren Wächter am Werk.

Es mag Zufall gewesen sein, dass ich eine Herpesvireninfektion bekam.

Glaube ich allerdings nicht wirklich. Letzten Endes ist es auch egal. Fest steht, mein Weg in die Krankheit dauerte 10 Jahre und genauso lange brauchte ich für den Weg hinaus.

Ich hatte durchaus mal lichte Momente, 

wo mir ganz deutlich klar wurde, dass ich mich ohne meine Krankheiten immer noch als unangepasste Sekretärin in mies bezahlten Zeitarbeitjobs durchs Leben schlagen würde. Eine berufliche Selbstständigkeit war für mich vollkommen unvorstellbar. Dass ich meinen Lebensunterhalt u. a. damit verdienen könnte, andere Menschen dabei zu unterstützen, zu sich selbst zurückzufinden, lag vollkommen jenseits meiner Vorstellungskraft. Dass ich so gut oder wertvoll sein könnte um eine solche Arbeit zu machen. Dass ich dafür von anderen Menschen Geld bekommen könnte ebenfalls …

Jetzt hatte ich es viel besser:

Mittlerweile hatte ich Behindertenprozente, einen Rehabilitandenstatus und galt aufgrund meiner Geschichte, Einschränkungen und meines Alters als „schwer vermittelbar“.Ich konnte in aller Ruhe mein Coachingangebot aufbauen und bezog über einen sehr langen Zeitraum ergänzende Leistungen vom Jobcenter.

Im Laufe der letzten Jahre ist noch die ein oder andere Tätigkeit hinzugekommen, und es hat sich (sehr, sehr langsam) herauskristallisiert, dass mein Angebot richtig ist und es eine Zielgruppe dafür gibt …

Manchmal ist mir – ganz flüchtig nur – in den Sinn gekommen, dass ich vielleicht aber trotzdem krank bleiben muss, damit ich weiter Geld vom Jobcenter bekommen kann? Darauf hatte ich natürlich keine Antwort. Ich habe das sogar mal eine Zeitlang beklopft. Ohne Erfolg leider. (Damals kannte ich das Thema Sicherheit noch nicht).

Vor ein paar Jahren wurde meine Körpermaßnahmen dann zielgerichteter, ich begann eine Behandlung bei einer Heilpraktikerin, behandelte meine HPU und meinen lausigen Darmstatus. Ich begann, glutenfrei zu leben, Nahrungsergänzungsmittel zu nehmen, meine Nebennierenschwäche zu behandeln. 

Allmählich ging es mir besser, ich hatte wieder etwas mehr Energie. Ich nahm aber immer noch nicht ab und blieb offenbar in der Gesamtsituation gefangen, auch dann noch, als ich mich konkret mit der Herpesviren-Infektion beschäftigte.

Es war mir schon klar, dass ich irgendwo,

tief drinnen, eine panische Angst

davor hatte, dass ich in die „normalen Strukturen“ zurückgeschickt werden könnte. Zurück zu den Männern in Anzügen und in den Office-Alltag, dem ich mich einfach nicht mehr gewachsen fühlte. Das hatte mir soviel Leid verursacht, um nichts in der Welt wollte ich da wieder hin. 

Auf der anderen Seite wurde immer klarer, dass ich mich endlich finanziell abnabeln muss. Es war echt schwer, dieses kleine Stück finanzielle Sicherheit aufzugeben.

In den letzten Monaten haben sich die Ereignisse in meinem Leben überstürzt. Ich wurde quasi gezwungen, das Jobcenter und die damit verbundene Sicherheit loszulassen und endlich mir selbst und meinen Fähigkeiten zu vertrauen. Vor ein paar Wochen habe ich festgestellt, dass ich wieder fast gesund bin. Und plötzlich nehme ich auch wieder ab. Problemlos.

Mir war sehr schnell klar, dass das nur einen Grund haben kann:

es nützt mir nichts mehr, krank zu sein.

Offenbar hat der Körper seine eigene Wahrheit, an der er unerschütterlich festhält. Aber alles, was er getan hat, tut er nur, um mich zu unterstützen. Diese Erkenntnis hat mich sehr glücklich gemacht. Und seitdem tue ich alles, was ich kann, um meinerseits meinen Körper zu unterstützen. 

Ich bin noch lange nicht da, wo ich hin will, aber jetzt erkenne ich mich zumindest wieder, wenn ich in den Spiegel schaue und habe das Gefühl, mir zu gehören. Das ist unbezahlbar.

Haben Sie selbst auch vielleicht schon einen Nutzen für sich im Kranksein entdeckt? Wie immer freue ich mich über Ihre Kommentare.

Herzliche Grüße,
Ihre
Monika Richrath

Bild von silviarita auf Pixabay 

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6 Kommentare

  1. Danke für diese Sichtweise.
    Beim Begriff Sekundärer Krankheitsgewinn, der mir schon früh in meiner Therapie-Ausbildung begegnet ist, bekam ich bisher immer Schuldgefühle, so, als wäre Krankwerden ein halbbewusster Akt, den man steuern kann.
    Deine Interpretation dagegen ist viel hilfreicher. ( Natürlich weiß ich unabhängig davon, dass die meisten Krankheiten irgendetwas mit einer ungünstigen Lebenssituation zu tun haben).
    Interessant die Gewichtsentwicklung. Damit habe ich ja auch zu tun. Obwohl ich meine Nebennieren seit ein, zwei Jahren gut pflege ( ich glaube sogar, aufgrund eines Artikels hier und der Buchempfehlung Wilsons) tut sich da wenig bis nichts. Ich bin mal gespannt, was dann bei mir der Schlüssel sein wird…

    Antworten
    • Vielen Dank, Claudia. Bei mir entwickelt sich das Gewicht jetzt positiv durch Zuckerverzicht und leberfreundliche Ernährung. Aber ich denke, ohne das allgemeine „loslassen“ würde das vermutlich auch nicht passieren. Liebe Grüße, Monika

      Antworten
  2. Ja, ich chronische kann mir gut vorstellen, dass es in der Vergangenheit so war und mich Ängste und Krankheit davor schützten, mir Strategien ausdenken zu müssen, wie ich da draußen erfolgreicher sein kann und mich durchsetzen kann, sie hinderte mich aber an der Weiterentwicklung der Persönlichkeit. Wenn es einem so mies geht, dass man gar nicht raus kann, nimmt man an nichts teil, kann keine neuen Erfahrungen machen und kann nicht lernen. Ich wollte aber immer lernen, deshalb rappelte ich mich immer wieder hoch, aber das dauerte oft Jahre, in diesen Jahren hätte ich das Beste draus machen können, hätte ich die richtigen Bücher gelesen und die richtigen Menschen kontaktiert, dann wäre ich weiter gekommen. Aber es ging so elend, dass ich kaum Energie hatte zu lesen. Heute würde ich trotzdem lesen oder Videos anschauen, aber damals gab es kein Internet. Heute hat man es besser mit den sozialen Medien, man kann sich austauschen und Rat holen oder anderen helfen. Wer früher auf dem Land wohnte, war so ziemlich von der Welt weg, wenn er zudem neu zugezogen wAr, da kam es auf das Dorf darauf an, ob es dort Menschen gab, die so wie man selbst tickten. Hochsensible standen da oft allein auf weiter Flur und Verwandte, Bekannte, das Umfeld verstand einen nicht.Bei mir ist es so, dass Krankheit schon als Baby kam, eigentlich auch später immer dann, wenn gerade Entwicklung und neue Erfahrungen anstandenkam sie hegtiger. Kann es sein, dass schon ganz früh die Oma oder din Eltern unbewusst verhindern wollten, dass sich das Kind weiter entwickelt und einmal erwachsen wird und sich das auf meine Glaubensdätze übertragen hat? Durch die Krankheiten gewann ich eigentlich nichts, nur kurzfristig verschonen sie mich vor der Konfrontation mit unangenehmen Erfahrungen. Vielleicht schützten sie aber auch mein Leben, das weiß man nicht. Hätte ich als hochsensible Jugendliche da draußen in der rauhen Welt alles mitmachen müssen, wer weiß, was passiert wäre? Mein Umfeld war ja alles andere als hochsensibel, die Krankheit wollte sicher allen anderen zeigen, dass ich anders bin und andere Bedürfnisse habe, dass man mir eine andere Schule, andere Erziehung zukommen lassen sollte. Aber die Stimme der Krankheit blieb unerhört. Nur eine Lehrerin sprach mit meinen Eltern und sagte, ich bräuchte mehr Unterstützung und Förderung im Elternhaus und auch mal Urlaub, etwas anderes sehen und erleben, das Meer z.B. Aber meine Eltern hatten kein Geld und keine Zeit, sie arbeiteten nur, und das in Berufen, die sie hassten, pflegten die Oma noch nebenbei und machten den Haushalt etc.
    und ich wurde einfach vor den Fernseher gesetzt oder ins Zimmer um Hausaufgaben zu machen. Draußen war ich selten, damals war ich sehr traurig, was much bis heute prägt. Noch heut kann ich mich schwer aufraffen, wandern zu gehen etc. , bin gern im Haus, was aber ungesund ist. Dennoch nahm ich mein Leben selbst in die Hand und änderte mein Mindset. Aber nur das Mindset allein reicht auch nicht aus. Ohne den Kontakt zu entsprechenden Menschen, die auf dem selben Weg sind, ist alles mühsam.Vernetzung, Austausch, das halte ich für sehr wichtig und reale liebevolle Begegnungen mit herzlichen Menschen. Und EFT ist sicher auch sehr hilfreich. Vielleicht soll es so sein, dass ich es einmal probieren kann. Wir werden sehen.

    Antworten
    • Vielen Dank Laura, ja, man muss sich irgendwie auf den Weg machen. Klopfen kann einen dabei wirklich unterstützen. Für mich hat es die entscheidenden Veränderungen gebracht … Herzliche Grüße, Monika

      Antworten
  3. Dieser Erfahrungsbericht holt mich sehr ab. Danke dafür!
    Mir wird immer wieder klar, dass das krank sein mir hilft mich zu entwickeln, um irgendwann in meinen eigenen passenden Strukturen zu leben.
    Ich würde mein Eigenes in mir nie suchen, wenn ich nicht immer wieder so auf mich reduziert werden würde.
    Ich spüre auch die Angst davor, wieder in diesem normalen Arbeitsspiel mitspielen zu müssen und Angst den Erwartungen der Gesellschaft nicht gerecht werden zu können.
    In meinem jetzigen Status wird nichts von mir erwartet. Dabei lerne ich, wie sich das anfühlt und dass ich auch meine eigenen Ansprüche an mich selbst loslassen kann.
    Mein Weg geht sich seit knapp 8 Jahren und es beruhigt mich zu lesen, dass es bei dir noch viel länger ging.
    Grüße Sophie

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    • Vielen Dank, Sophie, das hast du ja schön formuliert, ich habe mich wohl auch nicht getraut, mein Eigenes zu leben … Liebe Grüße, Monika

      Antworten

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